von Dirk Schümer

erschienen 2025 im btb Verlag

Link zum Buch

Dies ist nach „Die schwarze Rose“ der zweite Mittelalter-Schmöker von Dirk Schümer um den deutschen Mönch / Abenteurer / Agenten Wittekind Tentronk. Man kann aber getrost die Bücher auch einzeln lesen; die Stories sind in sich abgeschlossen und bauen auch nicht unbedingt aufeinander auf. In diesem Buch ist Wittekind knappe 50 Jahre alt, also gute 3 Dekaden älter als in Band 1, und die paar Reminiszenzen an den ersten Teil bekommt der neue Leser hier nebenbei.

Nun denn – wir befinden uns mittlerweile in Florenz im Jahre des Herrn 1348, und sein abenteuerliches Leben hat Wittekind an den Hofe des Bankiers Peruzzi gebracht. Das Wort Hof kann man ruhig so prachtvoll verstehen wie ich es gerade gebraucht habe, denn es ist die Epoche, in der die Florentiner Banken die Welt beherrschen, und die Peruzzis sind eines der großen Bankhäuser. Pacino Peruzzi, der alte Padrone, hat in Wittekind einen schlauen und gebildeten und zeitgleich schlagkräftigen Mann erkannt, den er in seine Hausgenossenschaft aufgenommen hat und ihn mit Spezialaufträgen versorgt. Aktuell hat er ein Problem: nacheinander werden peu a peu seine Söhne auf grauenvolle Art ermordet. Irgendjemand setzt ein Zeichen – nur welches? Und wer ist der Mörder? Wittekind wird zum Leibwächter und Ermittler befördert, und braucht allen Witz, Erfindungsreichtum und Connections, um Licht ins Dunkel zu bringen…. Ihm zur Seite stehen Cioccia, seine neue Liebe, Giovanni Boccaccio (genau, DER Boccaccio – bevor er zum berühmten Renaissancedichter aufstieg, der die italienische Sprache für immer prägen sollte), und nebenbei auch wieder William Baskerville, sein alter Ziehvater, der ihm nach langen Jahren wieder begegnen soll. Baskerville (ja, DER Baskerville, den wir auch aus dem „Namen der Rose“ kennen 🙂 ) war übrigens zwischenzeitlich in Indien und hat dort als Weiser Vasudeva gelebt und gepredigt….ja so schließt sich der philosophische Kreis einer Epoche auch wieder 🙂

Jacopo Alighieri als Sohn des großen Dantes treffen wir übrigens in Wittekinds Stammschenke auch an. Auch noch bevor die Welt erahnen konnte, das Dantes „göttliche Komödie“ irgendwann mal Weltliteratur sein wird…damals war das einfach eine gruselige Novelle über Höllentore, die man lesen konnte …oder auch nicht 🙂

Also man merkt, der Autor verbindet hier einen Abenteuerroman mit fiktionalen und tatsächlichen Persönlichkeiten, und ich muss sagen, er macht das erneut sehr gekonnt, ich kann mir das haargenau so vorstellen mit den historischen Protagonisten.

Schümer ist Historiker und kennt sich sehr genau in dieser Epoche aus, und er hat mit diesem 600-Seiten-starken Schmöker auch wieder einen Mix aus Krimi und Abenteuerroman hingelegt, der mich absolut gefesselt hat.

Was mich hier besonders fasziniert hat: Florenz in diesen Zeiten – oder vielmehr die Welt in diesen Zeiten – war eine super interessante Epoche. Wir haben hier die Pest, die sich pandemisch über die ganze Welt gezogen hat, und wir haben hier den aufkommenden weltweiten Kapitalismus. Die Macht des Geldes und der Bankhäuser nahm ja bekanntlich in Florenz seinen Ursprung und begann mehr oder weniger mit dem Aufstieg der dortigen Kaufleute und der Einführung der doppelten Buchführung. Und während Wittekind seinen Mörder sucht, muss er den Spuren des Geldes folgen und bekommt von mehreren Protagonisten eine extrem interessante Einführung für Dummies ins globale Bank- und Politikgeschehen. Es herrschen ja in Florenz nicht die Stadträte, die offiziell gewählt sind, sondern die Leute mit der Finanzmacht im Hintergrund, und wie das so läuft mit Staatsanleihen, Kriegsgeldern etc., das muss sich Wittekind erklären lassen, um seinen Fall mit Logik und Deduktion anzugehen. Ja nun – ich sag mal, prinzipiell hat sich da ja in den letzten 700 Jahren nicht viel geändert, und so viel verfeinert hat sich an den Dingen auch nichts. Die Prinzipien der Weltpolitik und der Vermögensverwaltung kann man 1:1 sich auch von Meo, dem Schankwirt oder einem Peruzzi erklären lassen. Ich hab auf jeden Fall was dazu gelernt. Und zwar nicht zu knapp. Danke Herr Schümer, ein paar Dinge habe ich tatsächlich jetzt kapiert.

Abgesehen davon: das war eine spannende Geschichte, die keine Minute langweilig war!

Und wie das Leben so ist, das Ende war unerwartet. In jeglicher Beziehung. Hat mich nicht glücklich gemacht, aber genau so hat es gepasst.

Vielen Dank an das Bloggerportal vom Randomhouse und an den btb Verlag für ein grandioses Rezensionsexemplar!

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