von Julia Holbe
erschienen 2025 bei Penguin

Klappentext: „Eine chaotische Kindheit, ein leeres Elternhaus und das Wiedersehen zweier Schwestern
Zwei ungleiche Schwestern treffen sich nach Jahren in ihrem Elternhaus wieder. Sie müssen sich entscheiden: verkaufen oder abfackeln? Ihre Zeitreise führt sie in die Kindheit voller verwunschener Hippie-Träume und mit dem alten, orangefarbenen R4 ihrer Mutter in die Bretagne. Bei Crêpes und Cidre unterm Sternenhimmel und einer Fahrt mit dem Boot des Vaters, die anderes endet, als geplant, werden sie von den Gesetzen ihrer chaotischen Familie eingeholt. – Ein Boot und ein Tisch, ein Fest und seine Gäste – und selbstbemalte Playmobilpferde: Manchmal ist das alles, was man braucht. Wären da nicht die großen Fragen des Lebens: Kann man sich alles sagen? Und sollte man das überhaupt? Warum könnte man nicht einfach nur versuchen, glücklich zu sein?“
Toller Titel, schönes Cover. Hat mich irgendwie sofort berührt.
Es geht um Millie und Flora, zwei Schwestern in ihren 60ern. Die Eltern sind beide tot, seid etwa einem knappen Jahr, und nun geht es endlich darum, das Haus auszuräumen und zu entscheiden, was damit passiert. Millie und Flora haben sich schon ewige Jahre nicht mehr gesehen; Flora, die Ältere, hat sich am Ende um die pflegebedürftigen Eltern gekümmert, Millie war abwesend. Große Zerwürfnisse gab es in dem Sinne nicht, kleinere durchaus, und man hat sich auseinander gelebt, und nun sind die beiden ungleichen Schwestern plötzlich wieder zusammen im Haus der Kindheit. Und müssen sich zusammen raufen.
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive von Flora geschrieben, und wir begleiten die beiden Schwestern bei ihrer Reise in die Vergangenheit. Bei vielen Gesprächen, die jetzt doch geführt werden. Während die beiden das Haus ausmisten, misten sie auch Erinnerungen aus, und das wird spannend – auch wenn objektiv eigentlich nicht viel passiert. Die Familie respektive die Kindheit der zwei war eher unkonventionell bis dysfunktional; die Eltern eher hippiemässig drauf, es wurde viel gefeiert, den Mädels alle Freiheiten der Welt gelassen, aber das hat auch dazu geführt, dass sie in frühen Jahren viel Verantwortung getragen haben…..und während Millie irgendwann den großen Cut gemacht hat, hat sich Flora bis zum Schluss für die Eltern verantwortlich gefühlt.
Und so arbeiten die beiden nun einiges auf, und entschließen sich, noch einmal die Orte aufzusuchen, an denen sie die Eltern noch mal richtig spüren. Mit dem alten R4 der Mutter tuckern sie in die Bretagne zum Boot ihres Vaters, mit dem sie lange Sommer auf dem Fluss herum geschippert sind …. und ich sag mal so, das ist jetzt für uns Leser der Part, wo es recht lustig wird, denn großartige Seefahrerinnen sind weder Flora noch Millie 🙂
Zurück im Luxemburger Häuschen werden sie noch einmal eine Party feiern, noch einmal ein Sommerfest, so wie Féfé, die Mutter es mit ihren legendären Parties immer tat – und auch das wird noch mal spannend. Es kommen zwar nicht viele Gäste, aber auch der engste Kreis besteht aus leicht exzentrischen Persönlichkeiten, die ahnen lassen, wie exzentrisch die Kindheit der zwei Schwestern gewesen sein muss…..
Mein Leseeindruck: hat mich abgeholt. Wunderbar flüssig erzählt. Viele Dialoge, viele Familiendramen und Geschichten. Wie heißt es so schön bei Dostojewski (und das Zitat fällt irgendwo auch in diesem Buch)? Alle unglücklichen Familien sind auf ihre ganz eigene Weise unglücklich. Ja, und alle Familien haben so ihre ganz eigenen speziellen Geschichten. Und diese hier fand ich emotional mitreißend und gut erzählt. Vielleicht, weil mich selbst altersmäßig nicht soviel trennt von den beiden, und sie mir darum auch ein Stück Identifikationspotential liefern. Aber natürlich geht es auch um Geschwisterbeziehungen generell. Um Familienbeziehungen. Was hält dieses Konstrukt zusammen? Ich fand hier eine Menge kluger Gedanken und Denkanstöße, und das war verpackt in einer gut lesbaren Story mit authentischen Charakteren.
Hat mir sehr gut gefallen. Und ja: anstatt zu streiten, könnte man einfach mal versuchen, glücklich zu sein 🙂
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5 Fragen an Julia Holbe
Liebe Frau Holbe: Die Schwestern in Ihrem Roman „Man müsste versuchen, glücklich zu sein“ wirken wie dem echten Leben entsprungen. Haben Sie eine Schwester? Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Natürlich prägen und inspirieren mich meine eigenen Geschichten, auch die mit meiner Schwester, unsere und meine eigene Herkunft, ich komme aus einer sehr verrückten Familie, die Stoff für unendlich viele Geschichten liefert. Aber mich interessieren auch die Geschichten anderer Familien, denn alle haben doch etwas gemeinsam. Hinter Geschwistern stehen die Eltern, und hinter denen wiederum Mütter, Väter und Geschwister, und Zerwürfnisse, Versöhnungen, einfach Lebensgeschichten. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, wieso wurde der und der so und so, wo ist der Anfang. Wie konnte es sein, dass …? Und aus jeder Geschichte kann man eine Tragödie oder eine Komödie machen. Dabei ist völlig uninteressant, was wahr ist oder nicht. In meiner Familie war es immer so, dass eine gute Geschichte wichtiger war als das, was vielleicht wirklich passiert war.
Ihr Roman erzählt die Geschichte, die viele Menschen teilen: Das Elternhaus will ausgeräumt werden – und was sich zunächst als organisatorische Aufgabe auftürmt, setzt nur allzu oft Erinnerungen und Gefühle frei. Glauben Sie daran, dass der Einfluss der Eltern auch nach deren Tod nicht endet?
Ein Elternhaus aufzulösen, ist eine Aufgabe, die sich jedem von uns irgendwann stellt. Wir lösen in gewisser Weise damit auch unsere Herkunft auf, nehmen Abschied von dem, woher wir kommen. Aber eben nicht von allem. Manches wollen wir mitnehmen, anderes wollen wir da lassen – und ich meine nicht nur Gegenstände. Denn es liegt auch in unserer Hand, inwieweit andere Menschen, tot oder lebendig, bleibenden Einfluss auf uns haben. Wir sind einerseits das, was unsere Eltern aus uns – gut oder schlecht – gemacht haben, und andererseits sind wir das, was wir selbst geschaffen haben.
Millie und Flora, die zwei zerstrittenen Schwestern in Ihrem Roman, scheinen in ihrer Kindheit sehr früh die Verantwortung für sich selbst übernommen zu haben. Was hat das mit ihnen gemacht?
Familien, Familiengeschichten sind immer auch Codes. Meine Schwester kann mir ein Stichwort geben, und ich kann die Geschichte weitererzählen. Wir wissen beide, was sich hinter bestimmten, auf andere unverständlich wirkenden Stichworten oder Sätzen verbirgt, manchmal sogar ganze Familiendramen. Ich würde meine Schwester im Dunkel einer Höhle unter Tausenden Menschen wiedererkennen, in dem Moment, wenn sie einen bestimmten Satz oder nur ein Wort sagt. Jede Familie hat ihre eigene Sprache – und ich würde sogar sagen: Jede Familie hat ihre Gesetze. Wenn man das weiß, ist man schon ein ganzes Stück weiter.
Die zwei suchen beim Ausräumen des Hauses regelrecht nach gemeinsamen Erinnerungen, auch, um sich selbst darin irgendwie wiederzufinden. Doch sie haben ihre Kindheit und Jugend völlig anders erlebt, obwohl sie im selben Elternhaus lebten. Wie kommt das?
Es ist mir ein Rätsel. Und gleichzeitig verstehe ich es vollkommen. Ich wollte immer eine Schwester als Komplizin, partners in crime. Und sie wollte das vielleicht auch. Aber wir haben es nicht geschafft. Wir sind zu unterschiedlich, aber ich glaube gar nicht, dass das entscheidend ist. Die Frage ist eher, wie man mit den Unterschieden umgeht oder vielmehr, wie die Eltern damit umgehen. Warum wird das eine Geschwister mutig und das andere ängstlich, warum haben sie die gleichen Eltern und unterschiedliche Bedürftigkeiten? Aus der eigenen Persönlichkeit des Kindes schaut man deswegen auch mit anderen Augen auf die Geschehnisse der Eltern. Als Kind und als Eltern hat man immer Sehnsucht nach einer gemeinsamen Geschichte, aber ob eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Geschichtsschreibung, die Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft ist? Ich weiß es nicht.
Welchen Bezug haben Sie zu den Schauplätzen in Ihrem Roman?
Ich bin in Luxemburg aufgewachsen, in einem Haus, das dem aus meinem Roman auf verblüffende Weise ähnlich sieht, es war mein Zuhause, und ich liebe Luxemburg als Ort meiner Herkunft. Die Bretagne kenne ich seit meiner Kindheit, wir haben früher viel Zeit dort verbracht, und das tue ich heute noch. Zwar nicht mehr auf einem Hausboot, sondern am Meer. Und natürlich in anderen Konstellationen, aber die Bretagne ist immer noch mein Zuhause.
(Quelle: Amazon.de)