von Ewald Arenz

Juli 2020 erschienen im DuMont Verlag

Ein eher unauffälliges neues Büchlein, 255 Seiten stark, mit zwei Birnen auf dem Cover: das ist das neue Monats-Buch aus meinem online Instagram-Lesekreis. Ewald Arenz sagte mir bislang nichts, und ohne meine Lesegruppe wäre dieses Buch glatt an mir vorbei gegangen. Völlig zu unrecht, denn es handelt sich hier um ein zauberhaftes Werk voller Weisheit und Poesie und psychologischer Dichte.

Aber erstmal kurz zum Inhalt. Der Schauplatz ist ein kleines Bauerndorf im irgendwo-nirgendwo, nicht näher bestimmt, und der Roman handelt um die beiden Einzelgängerinnen Sally und Liss. Sally ist 17, magersüchtig und als psychisch krank eingestuft, und auf der Flucht. Sie ist aus der Klinik abgehauen und trifft in einem Weinberg auf Liss. Liss ist knapp 50, und bewirtschaftet allein einen grossen Bauernhof. Nachdem Sally ihr hilft, den festgefahrenen Traktor wieder freizubekommen, bietet Liss ihr an, auf ihrem Hof zu bleiben. Einfach so. Auch Liss hat ihr Päckchen zu tragen, und meidet die Menschen, und so spüren die beiden so unterschiedlichen Frauen von Beginn an eine tiefe Verbundenheit. Sie verstehen sich ohne viel Worte, denn Worte können manchmal mehr kaputt machen als heilen. Sally hilft Liss bei der Arbeit auf den Feldern und im Obstgarten, beim Imkern und der Weinlese, und die beiden kommen sich langsam näher und lassen so manche Maske fallen. Es entsteht eine tiefe Freundschaft, und ohne dass die beiden es so recht merken, werden sie füreinander die wichtigsten Menschen werden und daraus Kraft schöpfen.

Das hört sich jetzt nach einem sehr ruhigen, fast eintönigem Roman an, aber genau das ist es nicht. Die Geschichte lebt aber durchaus von den „inneren Werten“ und inneren Geschichten ihrer Hauptdarsteller. Der Zorn, die Wut über das Unverstanden-sein, die Massstäbe der Gesellschaft, denen man nicht entspricht, der unbändige Freiheitswille – all das sind die grossen Themen, mit denen sich sowohl Sally als auch Liss auseinandersetzen und die einem als Leser unter die Haut gehen und sehr nachdenklich zurück lassen.

Dieser Roman ist emotional und psychologisch sehr dicht, und der Klappentext verrät: „Alte Sorten ist ein Roman, der entschleunigt und den Blick auf das Wesentliche lenkt.“. Und das tut er. Entschleunigen. Das Leben ohne Handy (dummerweise auf der Flucht vergessen) ist per se entschleunigend, und das Arbeiten mit den Händen in der Landwirtschaft sowieso. Und daran nehmen wir teil. Wenn Sally das erste mal seit Jahren wieder mit den Händen in der Erde wühlt und Kartoffeln aufsammelt. Oder Birnen pflückt und deren Aromen schmeckt. Das Leben wahrnimmt. Was Sally erlebt, könnte man als ungewolltes Achtsamkeitstraining bezeichnen, und ihr zorniger Geist kommt tatsächlich zur Ruhe.

Die Erzählweise ist sehr unaufgeregt, aber hier ist mal wieder ein Autor, der mit Worten umgehen kann. Stilistisch perfekt, es war wunderbar, sich in die Geschichte zu vertiefen. Aussergewöhnliche Schreibkunst. Ich muss es weiter empfehlen!!

Oh, und  apropos: die alten Sorten beziehen sich auf Liss‘ alten Obstgarten, in dem sich alte Birnbäume tummeln. Lauter alte vergessene Sorten. So wunderbar beschrieben, dass ich gleich Lust zum Birnen verkosten hatte 😊!

Vielleicht gefällt dir auch das: