von Nadine Schneider
erschienen 02/2026 im Fischer Verlag; meine Ausgabe erschienen 2026 bei der Büchergilde

Klappentext: „Nadine Schneiders Roman »Das gute Leben« ist eine große Mütter-Töchter-Geschichte über vier Generationen, ein Buch von Abschied, Neuanfang und der Arbeit des Lebens.
Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst?
Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist.“

Dieser Roman ist mein aktuelles „Überraschungsbuch“ in meiner quartalsweisen Buch-Abo-Box der Büchergilde Gutenberg. Eine Mutter-Tochter-Geschichte, die sich über 4 Generationen hinzieht – das hörte sich interessant an, also dachte ich mir: los geht’s :-).
Der Klappentext gibt den inhaltlichen Rahmen auch schon sehr gut wieder. Wir haben hier Christina, die jüngste, irgendwo in ihren 20ern / Anfang 30ern – so genau wird das nicht verortet – , dann ihre Mutter Helene, dann kommt Anni, und die Uroma. Deren Name wird eigentlich gar nicht genannt (oder ich erinnere mich nicht, hm?!).
Die familiären Wurzeln der deutsch-rumänischen Kleinfamilie liegen in Rumänien, auf einem Dorf irgendwo im Nirgendwo. Und dieses Dorf, dieses Familie, erfüllt so ziemlich alle Klischees: der Ort ist arm, schmutzig, verfallen, es mutet alles noch beinahe mittelalterlich an, die Uroma zieht die Kinder allein groß, der Mann ist ihr abhanden gekommen, die politischen Verhältnisse sind sagen wir unangenehm. Der ältere Sohn ist schon länger rüber in den Westen. Und dann haben wir Anni: 22 Jahre ist sie zu Beginn, als die Romanhandlung einsetzt, ungewollt schwanger, und fest entschlossen, ein besseres Leben zu finden und Rumänien zu verlassen. Und dabei begleiten wir sie. Wie sie ohne Geld und Ressourcen allein nach Deutschland ausreist, bei der dortigen Verwandtschaft feststellt, das man auch nicht gerade auf sie gewartet hat, wie sie sich trotzdem ein Leben erkämpft, wie sie „bei der Quelle“ am Band Arbeit findet und ihre berufliche Identität gleich mit, wie sie alleinerziehend Helene aufzieht, die dann nach Amerika auswandert. Ja, und wie Helene ihr dann ihre Tochter Christina aber gleich zurücklässt, so dass Anni unverhofft ein weiteres Kind noch mal großziehen kann, ebenfalls alleine.
Ja – und immer wieder haben wir die Uroma, die noch in Rumänien ist, und die Anni und Christina 2 mal im Jahr pflichtgemäß besuchen kommen.
Wir haben hier zwei Erzählperspektiven: eine auktoriale Perspektive, die Annis Geschichte aufrollt, und dann Christina, die aus der Ich-Perspektive auch noch mal alles Revue passieren lässt, als sie nach Annies Tod deren Häuschen erbt und dort für ein paar Tage einzieht und sich überlegt, was sie machen soll. Das Haus verkaufen? Es erst mal leerräumen? Es hängen so viele Erinnerungen in den Räumen, es ist schwierig….und dann kommt unverhofft Helene aus den USA angereist, und die beiden erinnern sich gemeinsam.
Mein Leseeindruck und Fazit: Ich fand den Roman einerseits super interessant, weil mich Familienkonstellationen und Mutter-Töchter-Beziehungen generell interessieren, und die Autorin diese auch recht gut seziert. Andererseits fand ich den Roman nicht wirklich gut lesbar, ich fand ihn sprachlich teils recht sperrig, weil auch immer wieder bei den Dialogen die Satzzeichen gefehlt haben und einiges umgangssprachlich war. Damit habe ich mich echt schwergetan. Der Roman ist im Präsens geschrieben, und das ist für mich auch eine Zeitform, mit der ich mich so schwer tue – hey, wir haben Rückschauen, für mich ist gefühlt Präsens da fehl am Platz.
Und nicht zu vergessen; die 4 Damen sind keine glücklichen Frauen. Da gibt’s enorm viel Not, handfeste finanzielle und essentielle Lebensnot, und emotionale Nöte. Vererbte Traumata. Die Unfähigkeit zu Kommunizieren. Die Wut, immer diese unterdrückte Wut, die einem das Leben schwer macht – und ja, das erkennen die Frauen durchaus, aber es zu ändern ist ihnen nicht möglich; daran arbeiten sich erst am Ende zumindest Helene und Christina ab. Also Wohlfühlromane gehen anders 🙂
Die Autorin entstammt selbst einer rumänischen Familie, und dankt im Nachwort ihrer Oma fürs Erinnern – ich denke, die Geschichte ist sehr authentisch. Die Atmosphäre ist dicht. Die Charaktere sehr glaubwürdig. Ich unterstelle mal, dass die Autorin hier auch ihre eigene familiäre Vergangenheit literarisch verarbeitet und bewältigt hat.
Hm, mich hat die Geschichte durchaus irgendwie gepackt, aber wie gesagt, ich fand alles so düster und negativ. Anni war für mich null Sympathieträgerin. Sie hat viel von ihren eigenen begrabenen Lebensträumen an Helene ausgelassen, die natürlich dadurch auch so ihre Verletzungen davon getragen hat. Fand ich teils schwer zu lesen. War das realistisch? Mit Sicherheit. Fand ich es schön? Mit Sicherheit nicht.
Man kann sich sicherlich trefflich über dieses Buch, über diese 4 Frauen unterhalten – für einen Buchklub bietet das echt viel Potential, sag ich mal; aber als Romanempfehlung „einfach so“ würde ich das jetzt nicht nehmen. Also ich bin nicht wirklich „gehyped“.
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Drei Fragen an Nadine Schneider zu ihrem Roman „Das gute Leben“
Liebe Nadine, wie hast du diesen Roman zu schreiben begonnen?
Ich beginne immer mit einer Figur. Das ist erst mal eine Figur, über die ich am Anfang noch gar nicht viel weiß, die noch nicht viel Vergangenheit oder Zukunft hat. Ich weiß noch nicht, was ihre Motivation ist, mit welchen anderen Figuren in der Geschichte sie verbunden sein wird. Wenn es dann so eine Figur gibt, muss ich mich darauf verlassen, dass sie eine sehr starke Stimme hat. Eine Stimme, die mich immer wieder zurück in den Arbeitsprozess ruft und dafür sorgt, dass ich mir diese Figur erschreibe und durchs Schreiben kennenlerne. Und im Fall von „Das gute Leben“ war es eben Annie, die als allererstes da war. Ich wusste, dass sie Annie heißt und ich hatte das Gefühl, dass das eine Figur ist, die gerade alles, was ihr vertraut war, hinter sich gelassen hat.
Dein Buch heißt „Das gute Leben“. Kann man sein Leben ändern? Kann es deine Figur Anni?
Ich denke, auf vieles hat man einfach gar keinen Einfluss. Bei Anni z.B. spielt so sehr ihre Herkunft eine Rolle. Sie muss sich an eine neue Gesellschaft anpassen. Durch diese Anpassung wird sie nicht unbedingt sichtbarer. Ihre Identität verschwindet eher. Bei diesem Versuch, sich anzupassen und zu integrieren, verschwindet sie als Person. Das Befolgen des Narrativs von der Leistungsgesellschaft führt bei Anni nicht steil nach oben, sondern dazu, dass sie als Person unsichtbar wird und sich klein machen muss. Ich glaube, so einfach ist es nicht, sein Leben zu ändern.
Kannst du uns deinen Roman in drei Sätzen zusammenfassen?
Der Klappentext kann das immer sehr viel besser und den muss ich ja zum Glück nicht schreiben. Aber ganz grundsätzlich geht es um Frauen, denen kein selbstverständlicher Platz in der Welt gegeben ist. Sie müssen sich diesen Platz erarbeiten und tun das auch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln: mit Fleiß, mit Arbeit, mit Anpassung. Ich habe versucht, mir anzuschauen, wie sie dabei auf ihr eigenes Leben und auf ihre eigene Leistung blicken und ob und inwiefern es ihnen gelingt, sich diesen Platz in der Welt zu schaffen.
Entnommen: Amazon.de