von Christine Wunnike
erschienen als Taschenbuch 2026 im Diogenes Verlag / Hardcover 2025 bei Berenberg Verlag GmbH

Klappentext: „Eine Liebesgeschichte, so schön, so verwegen, wie nur Christine Wunnicke sie schreibt. Schauplatz ist Frankreich im 18. Jahrhundert, das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre. Und es lieben sich zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im zarten Alter Leichen seziert, um deren Innenleben aus Wachs zu modellieren; und Madeleine Basseporte, die zeichnend die Anatomie von Blumen aufs Papier zaubert, weil Menschen einen ja doch nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben. Männer kommen auch vor, in schönen Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet. Ein hinreißender Liebesroman, der hin und her schwingt zwischen der Zeit, als Küchenschellen friedlich am Wegesrand wachsen, und jenen Schreckenstagen, als nicht allein der Königin wie einer schönen Blume der Kopf abgeschlagen wurde.“
223 Seiten, die mich ratlos zurücklassen. Was war das denn jetzt? Dieser Roman stand auf der Shortlist des deutschen Buchpreises und ich habe ein paar überschäumend enthusiastische Rezensionen gelesen. Auf dem Buchrücken meiner Diogenes-Ausgabe wird die von mir geschätzte Mareike Fallwickl zitiert, die das Buch begeisterte. Und ich frage mich gerade, ob wir alle von dem gleichen Text reden???
Also, erst mal kurz zum Inhalt. Wir sind in Paris, und im zeitlichem Wechsel bei der jungen Marie Biheron und Madeleine Basseporte im vorrevolutionärem Frankreich, startend im Jahre 1733, und dann im Wechsel bei der Greisin Marie zu Zeiten eben der tobenden französischen Revolution. Marie ist ein sonderbares Kind, und ein, sagen wir, exzentrischer Teenager, das sich der Anatomie verschrieben hat, und zwar komplett: sie will Leichen sezieren, und tut das auch. Dafür braucht man echte Leichen, und die beschafft sie sich auch, und seziert sie in der kalten Jahreszeit zuhause. Nachdem ihre Mutter sich neu verheiratet hat, lebt sie auch ungestört allein zuhause, kein Problem. Und nach den von ihr durchgeführten Studien fertigt sie exzessiv anatomische Wachsnachbauten. Also so à la „Körperwelten“ in ihrer eigenen Spezialvariante.
Kein Problem? Zumindest nicht in diesem Roman. Die lieben Mitmenschen finden Marie zwar durchaus komisch, aber irgendwie ist alles normal. Also mein historisches Wissen und Verständnis finden das nicht normal, aber gut – for the sake of the argument lasse ich das mal so stehen. Ist ein Roman, ist Fiktion.
Madeleine Basseporte ist Zeichnerin und hat sich der Anatomie von Blumen verschrieben. Sie dürfte so etwa 10 Jahre älter als Marie sein, und in ihren Zeichenklassen treffen die beiden aufeinander.
Nach anfänglichen merkwürdigen Momenten freunden sich die beiden erst an, und dann – ab Zeitpunkt X – sind die beiden plötzlich „verheiratet“.
Ab dem Moment sind bei mir im Kopf eigentlich nur noch Fragezeichen aufgetaucht.
Man erinnere sich: wir sind im erzkatholischem Frankreich des 18. Jahrhunderts.
Aber okay: For the sake of the argument…….etc pp. Ich nehme das mal so hin…..
Ach, lassen wir die inhaltliche Analyse. Ich komme da aus dem Kopfschütteln sonst nicht mehr heraus.
Sowohl Madeleine als auch Marie sind verbürgte historische Persönlichkeiten, das musste ich googeln, allerdings – und das sagt die Autorin selbst im Anhang – ist fast alles im Buch frei erfunden; also man sollte hier auf keinen Fall irgendeine Art von Biografien erwarten. Dies nur nebenbei.
Kommen wir zum Erzählstil; der hat mich nämlich auch überhaupt nicht abgeholt. Der war für mich nicht stringent, weder chronologisch, noch aus der Erzählperspektive heraus; ich fand, das waren oftmals einfach nur szenische Aneinanderreihungen und vieles wirkte auf mich nur fragmentiert. Ich kann es gar nicht recht beschreiben, manche Rezensenten sprechen hier von einem „Sprachkunstwerk“ – ich habe das Kunstwerk nicht gefunden.
Wo ich jetzt gerade so schön am jammern bin: auch das Setting war nicht meins. Das hier ist Paris „at its worst“. Es stinkt, es ist schlammig, es ist dunkel, es ist überall Dreck. Die junge Marie stapft ständig durch Schlamm und Abfall, und die alte Marie liegt hinfällig und ungewaschen in ihrer ungepflegten Wohnung und pflegt ihre schlechten Launen.
Ach Mensch. Ich hatte echt Lust auf einen spannenden historischen Roman, aber die Autorin und ich kommen hier nicht zusammen.
Nun ja, genügend Fans hat der Roman – also meine Empfehlung: ladet euch eine Leseprobe herunter vor dem Kauf, oder lest in der Buchhandlung mal kurz rein. Ich glaube, entweder man liebt das Buch oder kann nichts damit anfangen. Ich gehöre zu letzterer Kategorie.
Trotzdem lieben Dank an den Diogenesverlag für das Rezensionsexemplar!
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Porträt
Christine Wunnicke
Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München und Berlin. Sie schreibt Romane, biografische Literatur und Hörspiele, und übersetzt aus dem Englischen und Italienischen. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, dem Jean-Paul-Preis und dem Literaturpreis der Darmstädter Jury. Ebenso wie ›Wachs‹ stand auch ihr vorletzter Roman, ›Die Dame mit der bemalten Hand‹ (2020), auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2026 wird Christine Wunnicke mit dem Georg-Büchner-Preis für ihr Gesamtwerk
(entnommen: Thalia.de)