von Esther Schüttpelz

erschienen 2026 beim Diogenesverlag

Link zum Buch

Das Buch ist speziell. Ich fang mal damit an, wie ich darauf gekommen bin. Normalerweise wäre dieses dünne (es sind nur 208 Seiten) Büchlein mit dem etwas merkwürdig atmosphärisch anmutendem Cover an mir vorbeigeschlittert. Ich wurde vom Verlag aber zu einer Online-Lesung der Autorin eingeladen, einem Zoom-Bloggermeeting, und das sind erfahrungsgemäß echt interessante literarische Veranstaltungen, also war ich gerne dabei. So, die Autorin hat nun also ihr Buch persönlich vorgestellt, daraus gelesen und das Ganze war umrahmt mit einem interessantem Interview. Und anschließend dachte ich mir: her mit dem Buch, will ich lesen 🙂

Hierum geht’s: Nach einem Kinobesuch mit einer Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt los …. und los….und wir haben hier im Prinzip fast das ganze Buch über nur eine Autofahrt mit einer Protagonistin, die einfach immer weiter fährt. Sie sagt sich, bei der nächsten Ampel halte ich an und drehe um, aber hey, sie hat durchgehend eine grüne Welle, und weiter geht’s.

Das Setting, die Atmosphäre sind unmittelbar, man ist sofort mittendrin und dabei. Der alte Golf fährt und fährt.. Die Entscheidung ist getroffen, die Frau verlässt ihr gewohntes Leben. Sie bricht aus ihren Routinen heraus, aber ihr ist nicht langweilig. Sie fährt weg, und wovor sie wegfährt, das entfaltet sich im Roman. Spoiler: sie läuft von einer toxischen Beziehung weg. Naja, so gespoilert ist das auch nicht, das kann man sich relativ schnell denken.

Wir haben hier eine totale Konzentration auf diese eine namenlose Protagonistin, die immer nur als „eine Frau“ oder als „die Frau“ bezeichnet wird. Ihr Alter ist Mitte 40, was aber prinzipiell egal ist, denn die Story könnte allen Frauen so passieren, in jeder Lebensphase. Das Alter, so sagt die Autorin, habe sie beim Schreiben nicht interessiert.Was sie interessiert hat: die Frage, ob und inwiefern Entscheidungen bewusst oder unterbewusst getroffen werden. Sie wollte beschreiben, wie chaotisch Entscheidungen sein können und wie Zufälle einem Entscheidungen abnehmen können.

Und bei aller Vielschichtigkeit sollte dies auch ein Buch über Freundschaft werden. Die Freundin der Protagonistin macht sich irgendwann auf die Suche nach ihr, als diese nicht nachhause kommt, und die Autorin seziert diese Frauenfreundschaft recht eindrücklich.

Noch ein paar facts zur Form; es gibt hier 2 Erzählperspektiven, beide auktorial, einmal sind wir ganz nah dran an der Protagonistin, im Auto, in ihren Gedanken, und dann sind wir wieder weit weg von ihr und eher dran bei Mann und Freundin. Auch ganz interessant gemacht, finde ich. Es gibt insgesamt 24 kurze Kapitel – na klar, die Fahrt dauert 24 Stunden. Wobei nicht jede Stunde ein eigenes Kapitel bekommen hat.

Ja, mein Leseeindruck / Fazit: Das war irgendwie eine sehr kondensierte Form von Literatur, und echt was ganz Anderes. Hat mich aber gepackt. Sowohl thematisch als auch vom Stil her. Dieser war / ist zwar sperrig, aber für ein so kurzes Buch war es okay für mich, ein 500 Seiten Schmöker wäre mir in dieser Form „too much“ gewesen, hier aber hat es funktioniert. Ich musste einfach weiterlesen und wissen, was am Ende passiert. Das Ende fand ich dann zwar etwas unbefriedigend….aber realistisch. Und wie sagte Frau Schüttpelz? Es war ihr wichtig, immer ehrlich zu sein und nicht zynisch oder ironisch zu werden.

Und noch ein fun fact am Schluss, die Autorin erzählte, die Idee zu dieser Geschichte sei ihr gekommen, als sie selbst nach einem Kinobesuch mit einer Freundin sich ins Auto setzte (einen Golf!), sich verfuhr, und das Gedankenspiel hatte, was wäre, wenn sie einfach weiterführe? Allerdings meinte sie auch, damit höre die Gemeinsamkeit mit ihr selbst und der Protagonistin auch schon wieder auf 🙂

Mir hat das Buch gefallen, ich empfehle es gerne weiter, und bedanke mich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!

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