von Juli Zeh
erschienen 2019 beim btb Verlag


Klappentext: „Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.“
Dieses nur 192 Seiten starke Büchlein ist die aktuelle Lektüre in meinem Lesekreis, und ich war gespannt; ich kannte bislang noch nichts von der Autorin. Der Klappentext klang auch gut; und bezogen auf das schmale Werk ist der Klappentext auch ziemlich aussagekräftig: wir sind bei Henning, der auf Lanzarote am Neujahrsmorgen im Urlaub einen „kleinen Fahrradausflug“ macht. Das Buch ist aus einer auktorialen Perspektive erzählt, im Präsenz, und wir sind ganz dicht bei Hennings Gedanken und Gefühlen, ganz nah dran in seinem Leben. Und vor allem ganz nah dran an seinem aktuellem sportiven Leiden, denn sein Leihfahrrad ist für die Aufstiege und Strecken auf Lanzarote viel zu schwer, sein Trainingszustand so gut wie nicht vorhanden, er hat gestern gefeiert und ist ohne Trinkflasche spontan mal losgefahren….und so begleiten wir ihn, wie er langsam dehydriert und durch die Serpentinen der lanzarotischen Landschaft radelt….Henning ist völlig durch, und das nicht nur im hier und jetzt auf dem Radl, sondern auch generell; er leidet seit langem unter Panikattacken, und er ist kurz vor dem kompletten Burnout als Familienvater. Mit seiner Frau Teresa teilt er sich die familiäre Care-Arbeit und sie arbeiten beide Teilzeit, und das ist ihm mit 2 kleinen Kindern langsam alles zu viel (verständlich, aber was soll ich sagen: welcome to the real world, Millionen Frauen leben dieses Modell schon ziemlich lange). Wie auch immer, die Autorin seziert diesen Zustand ziemlich genau, und das ist spannend und gut gemacht. Finde ich. Denn wie gesagt, die meisten arbeitenden Mamas können sich hiermit sicherlich gut identifizieren….und funktionieren trotzdem….ob das gut ist oder schlecht, sei mal dahingestellt – das liefert auf jeden Fall viel Stoff für Diskussionen in meinem Buchklub, würde ich denken 🙂
So, und jetzt wird es irgendwann wirklich faszinierend mit der Lektüre, denn als Henning oben am Pass ankommt und auf einer abgelegenen Finca jemand findet, der, oder vielmehr die, ihm was zu trinken anbietet, hat er diverse Deja-vues: hier war er schon mal, obwohl er überzeugt war, noch nie auf Lanzarote gewesen zu sein. Viel mehr gibt der Klappentext nicht her, und wer sich jetzt von mir nicht spoilern lassen will, der soll jetzt hier nicht weiterlesen, sondern sich zufrieden geben mit der Angabe: jetzt kommt der Psychothrillerteil der Buches.
Für alle anderen: Achtung ich spoilere jetzt. Es stellt sich nämlich heraus, dass Henning hier mal als Kleinkind einen absolut traumatischen Familienurlaub auf eben jener abgelegenen Finca durchlebt hat. Seine Eltern sind damals nach einem Streit mit dem Auto ins Ort gefahren – und Henning und seine damals 2jährige Schwester Luna sind morgens mutterseelenallein aufgewacht und haben sich 2 Tage auch auf sich gestellt durchschlagen müssen. 2 Kleinkinder allein zu Haus, und es lief alles schief, was schief laufen konnte; das war schlimm, das war traumatisch, das hat Henning komplett verdrängt – und das erklärt am Ende vieles, was in seinem Erwachsenenleben schief läuft. PTSD at its best sozusagen. Dieser zweite Teil des Buches hat sich für mich echt gelesen wie ein früher Stephen-King-Roman: das Grauen kommt im helllichten Sonnenschein um die Ecke geschlichen.
Wobei ich mich zugegebenermaßen auch ein paarmal gefragt habe, wieso die beiden Kinder sich teils so sehr unbeholfen angestellt haben; aber gut; dichterische Freiheit, für die Story an sich hat es genauso funktioniert.
Ich war auf jeden Fall gebannt dabei, und fand, die Autorin kann echt diverse Genres intelligent erzählen und miteinander verbinden. Wir haben hier einen gesellschaftskritischen Part, der sich mit modernen Familienrollen und -belastungen auseinandersetzt; wir haben Themen wie Burnout, Funktionalität (oder eben auch Dysfunktionalität) moderner Partnerschaften, wir haben den Psychothrillerteil, wir haben mental health-Themen, wir haben am Ende eine Katharsis, und eine relativ glaubwürdige Cast. Ach ja – und als ehemalige aktive Ausdauersportlerin konnte ich mich mit Hennings radfahrerischen Qualen sehr gut identifizieren, hahaha, das war ein nettes Plus obendrein. Dieses mentale Kopfkino, wenn die Muskeln langsam aber sicher übersäuern und man eigentlich am A****** ist, aber der Zieleinlauf noch seeeeehr weit weg ist…….ja, so ist das 🙂
Alles in allem: war gut. Hat mich sehr gut unterhalten, trotz der ernsten Themen, und ich denke, das liefert viel Diskussionsstoff.
Und flott geschrieben – Juli Zeh werde ich mir merken!