von Anousch Mueller

erschienen 07/2026 bei C.H.Beck

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Ein relativ schmales Büchlein ist das hier; etwas mehr als 200 Seiten, und der Klappentext sowie die Innenklappenangaben sagen schon ziemlich viel darüber aus, was uns Leser erwartet: die Lebensgeschichte einer schwer traumatisierten Ich-Erzählerin. Leni – Helene – berichtet von ihrer Familie, von ihrem Aufwachsen, von ihrem Leben. Leni, geboren Ende der 70er, wächst als Älteste von 6 Geschwistern auf im ländlichen Thüringen. Die Großfamilie bewohnt einen alten Bahnhof, ein wenig außerhalb eines Dörfchens irgendwo im Nirgendwo. Eigentlich ist alles recht idyllisch, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten und dritten Blick eigentlich auch, denn die Eltern lieben ihre Kinder, und es fehlt ihnen an Nichts. Eine ganz normale Kindheit auf dem Lande könnte man so sagen. Aber irgendetwas stört. Leni hat merkwürdige Dissoziationen, ebenso wie Etgar, der Zweitälteste. Eigentlich haben alle der Geschwister mentale Auffälligkeiten, die schlimmer werden, je älter sie werden. Und irgendwann beschließt Leni, der Sache auf den Grund zu gehen; ihre Familiengeschichte bzw. deren Geheimnisse aufzudecken. Der Mutterpass ihrer Mama bescheinigt ihr 7 Schwangerschaften und Geburten, aber – eigentlich sind sie ja nur 6, oder?

Und die Geschichte entwickelt so ihren Sog. Leni erzählt aus der Ich-Perspektive, und abwechselnd schaltet sich ein auktorialer Erzähler dazwischen, um von Katharina (der Mama) und Robert, dem Vater zu erzählen….und von deren Aufwachsen in der DDR, von deren Liebesgeschichte…..und irgendwann auch von Lori. Lori, der ersten Tochter – der, die wie der Klappentext sagt, auf dem Grund der Ostsee ruht. Und von der niemand jahrzehntelang gesprochen hat.

Das kann man so sagen, das ist kein spoilern, das reimt man sich schon vom Klappentext her zusammen, und das ist ja auch der Teaser, wegen dem man zu dem Roman greift – zumindest war es meiner.

Also insgesamt recht harte psychologische Kost. Wir haben komplexe familiäre Traumata, die jahrzehntelang nachwirken. Es geht um Freundschaft; wir haben einen Entwicklungsroman, wir haben „Coming-of-Age“, wie man so schön neudeutsch sagt. Wir haben unerfüllte Liebesgeschichten, die sich dramatisch zuspitzen, und wir haben sogar ein wenig Ostalgie. Wir haben eigentlich echt viel auf wenig Seiten.

Ich fand es sprachlich, stilistisch gut gemacht, durchaus mit viel psychologischem Feingefühl. Und die Autorin stammt selbst aus Thüringen, wie ich der Autoreninfo entnehme, erzählt vom Aufwachsen in der ehemaligen DDR also aus eigener Erfahrung. Das war spannend für mich „Wessi“. Vieles weiß man, glaubt man zu kennen, vieles ist neu. Und es hat eine Eindringlichkeit, wie Anousch Mueller erzählt; das war sehr spannend, das war authentisch, das hat mich mitgenommen.

Tja, und für mich hat sich immer und immer wieder die Frage gestellt: wieso ist die Katastrophe um Loris Ableben totgeschwiegen worden? Ein Kind stirbt. Etwas Schlimmeres kann einem als Eltern nicht passieren, würde ich sagen. Die Umstände waren teils auch „politisch“. Gut, damit muss man nicht hausieren gehen, aber warum den Tod generell verschweigen? Auch Lenis Freund Lutz aus dem Dorf stellt diese Frage, auf die es schlussendlich aber (für mich) keine befriedigende Antwort gibt.

Ich finde es schwierig, hier abschließend mein Urteil abzugeben. Einerseits hat mich der Roman durchaus gefesselt, und die Autorin hat mich auch wie gesagt stilistisch überzeugt. Aber es war irgendwie too much auf zu wenig Seiten, und mich hat einiges halt auch nicht überzeugt – ich persönlich kann es mir nämlich nicht vorstellen, einen auf Happy Family zu machen, ein Kind nach dem anderen in die Welt zu setzen, und das erste Kind völlig tot zu schweigen, und darauf zu vertrauen, dass die beiden danach Geborenen (Leni und Etgar) noch zu klein waren, um sich an alles zu erinnern…….da waren so ein paar Sachen, die für mich nicht stimmig waren.

Zumindest ein Buch, über das man sich trefflich unterhalten könnte.

Spannende Lektüre – aber auch sehr speziell.

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