von Katherina Vermette

erschienen im Dezember 2025 beim btb Verlag

Link zum Buch

Katharina Vermette wird als die Starautorin Kanadas gefeiert, die sich literarisch mit der Unterdrückung der dortigen indigenen Bevölkerung auseinandersetzt, und speziell eine Stimme für die Frauen der First Nations bietet. Und verpacken tut sie das in packende Belletristik. Ich hab ihren Erstling, einen ziemlich spannenden Krimi („Was in jener Nacht geschah“), bereits gelesen und war begeistert, und das war auch mein Grund, hier zuzugreifen. Mir war aber von vornherein auch klar, das hier wird keine leichte Kost, und wenn der Klappentext schon unausgesprochene Triggerwarnungen hat, dann wird das hier kein Wohlfühlroman. Aber wie gesagt, ich hab die Autorin durchaus als talentierte Schriftstellerin in Erinnerung, also ich war sehr neugierig.

Das kanadische Original heißt „The Strangers“, das ist der Nachname der besagten Frauen vom Titel. Von den Strangers gibt es so einige Damen, und am Ende des Buches gibts es auch einen Stammbaum (sehr hilfreich!), und wir folgen hier abwechselnd Margaret, der Mutter von Elsie, und dann deren Töchtern Phoenix und Cedar. Es gibt noch einige mehr, und einen ganzen Schwung Stranger-Männer, aber diese 4 sind unsere Hauptcharaktere, und denen folgen wir detailliert. Cedar, die jüngste, darf aus der Ich-Perspektive erzählen, bei den anderen wählt Ms Vermette die auktoriale Erzählform, und die Kapitel sind jeweils mit den Namen der Ladies betitelt. Man weiß also immer, bei wem man gerade ist.

Prinzipiell wird die komplette Familiengeschichte der letzten Jahrzehnte der Strangers erzählt, detailliert geht es eher um die letzten paar Jahre, und wir sind zeitlich in der aktuellen Gegenwart; das Buch endet von der Chronologie her gesehen zu pandemischen Lockdownzeiten; das Buch ist im Original 2021 erschienen, ich denke mal, 2020 war es beendet. Dies nur so zur zeitlichen Einordnung.

Inhaltlich geben Klappentext und Verlagsbeschreibung schon relativ viel preis. Ich sag mal sehr salopp, die Strangers gehören zur prekären Unterschicht, und haben als indigene oder „halbblütige“ Protagonisten in der modernen weißen Gesellschaft keine grosse Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg. Trotz Förderprogrammen, die die kanadische Regierung in den letzten Jahrzehnten speziell für die First Nations auf den Weg gebracht hat.

Wir haben hier Elsie, die mit 23 schon 3 Kinder von 3 verschiedenen Männern hat, und mit ihrer Drogensucht zu kämpfen hat – alle ihre Kids wachsen in der Fürsorge auf, und Phoenix, die älteste Tochter, wird fast schon Bilderbuch-erwartungsgemäss früh straffällig und bekommt mit 16 ihr erstes Kind in der Strafanstalt. Da setzt das Buch übrigens ein, pardon, Phoenix’ Wehen setzen ein, und man leidet schon im ersten Kapitel mit, wenn man diese Geburt begleitet….

Elsie wurde von ihrer Mutter Margaret auch nie so wirklich beachtet – sie war nicht wirklich ein Wunschkind, drücken wir es mal vorsichtig aus, denn Margaret hätte die Erste der Familie sein können, die aus sich was gemacht hätte – wäre sie damals nicht schwanger geworden…..

Cedar ist ein eher ruhiges Mädel, und hat irgendwann das Glück, dass ihr leiblicher Vater sie zu sich holt – und wir Leser fiebern dann mit, ob wohl sie es schafft, etwas aus ihrem Leben zu machen?

Ja also – harte Kost, sehr authentisch beschrieben, sehr ausführlich beschrieben, psychologisch sehr gut gemacht und konstruiert. Sehr erschütternd, sehr roh, sehr intensiv. Muss man sich darauf einlassen können. Hat Sogwirkung, regt zum Nachdenken an, bietet viel Diskussionsstoff. Und für mich, die ich mich nie sonderlich mit Kanada befasst habe, und auch noch nie da war, ist dieser Roman auch ein bisschen gesellschaftspolitische Nachhilfestunde. Achtung, Spoiler: wenn Genie Stranger beispielsweise davon erzählt, wie sie bei einem Krankenhausaufenthalt ohne ihr Wissen nebenbei sterilisiert wurde, ist das schon harter Tobak, und anscheinend hat man das bis vor wenigen Jahrzehnten einfach so gemacht mit indigenen Frauen (okay, sie haben eine Einwilligung unterschrieben, aber wer liest das durch, wenn man kurz vor einer anderen geplanten OP steht? Genie hat es augenscheinlich nicht getan und war hinterher am Boden zerstört).

Wir haben hier also super viele Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und die Autorin versteht es, dies sehr eindringlich zu schildern.

Ja, sie macht es anhand der indigenen Ladies, aber prinzipiell könnte das auch die Geschichte von, hm, wie drückt man das heutzutage politisch korrekt aus, jeglichen anderen unterprivilegierten Familien sein.

Mein Fazit: Ein wichtiges Buch und Zeitzeugnis. Ich kann mich persönlich aber zu nur 4 von 5 Sternen durchringen, weil es mir echt zu depri war. „Lustigerweise“ schriebt die Autorin im Vorwort, in ihrer Triggrwarnung, dass sie trotzdem versucht, Hoffnung und möglichst viel Liebe dazwischen zupacken. Ja, den Versuch hab ich gesehen und weiß ihn zu würdigen, aber für dieses Buch muss man echt in Stimmung sein und sollte wissen, auf was man sich einlässt.

Ich bedanke mich beim Verlag und beim Bloggerportal des Randomhouse für das Rezensionsexemplar!

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Porträt

Katherena Vermette

Katherena Vermette, indigene Kanadiern, aufgewachsen in Winnipeg, Manitoba, ist Filmemacherin, Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Debütroman Was in jener Nacht geschah war Bestseller und Debattenbuch in Kanada und wurde vielfach ausgezeichnet: McNally Robinson Book of the Year Award, Margaret Laurence Award for Fiction, Carol Shields Winnipeg Book Award. Shortlist Governor’s General Literaray Award und Rogers Writers‘ Trust, Endrunde von Canada Reads, der großen Buchkampagne des kanadischen öffentlichen Fernrsehens CBC. Der Roman The Strangers wurde ebenfalls vielfach ausgezeichnet und war Nummer-1-Bestseller in Kanada..

entnommen: Thalia.de

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