von Stefan Hertmans
übersetzt von Ira Wilhelm
erschienen 2025 im Diogenesverlag

Klappentext: „Als Dius an seiner Haustür klingelt, ist Anton überrascht und irritiert. Keiner seiner Studenten an der Kunsthochschule ist bisher so ungeniert in sein Privatleben vorgedrungen. Oder hat ihm gar seine Freundschaft und einen Schreibplatz in einem alten Dorfhaus inmitten nordisch rauer Landschaft angetragen. Im Wechsel aus konzentriertem Arbeiten und langen Spaziergängen entwickelt sich dort ein fast altmodisch anmutendes Band der Freundschaft zwischen den beiden Männern, während sich ihre jeweiligen Leben zu Hause nicht ohne Komplikationen weiterdrehen.“
Das hier ist ein typisches Beispiel für ein Buch, das normalerweise völlig an mir vorbei gegangen wäre. Das Cover: zwar nett, aber nicht so ganz mein Ding; der Autor: mir unbekannt; der Klappentext: joah, okay, eine Männerfreundschaft – auch nicht unbedingt ein Sujet, bei dem ich „hier“ schreien würde.
Nun war dieses Buch aber Thema beim Diogenes-Bloggertreffen, hier wurde der Autor interviewt, und ich war echt gefesselt und überrascht. Tolles Interview, ein super eloquenter und interessanter Autor, der es echt verstanden hat, unaufgeregt sein Buch zu präsentieren, daraus vorzulesen, und hey: ich musste es danach auch lesen. Und sage dazu: es lohnt sich! Das ist wirklich eine gute Lektüre, ein Buch voller feinen Weisheiten, und es liest sich erstaunlich gut weg. Ein Buch, das ich auf jeden Fall auch weiterempfehlen werde.
„Dius“ ist der 5. Roman des Autors, der im Diogenesverlag erscheint, und was ich nebenbei einen sehr interessanten „fun fact“ finde; der Autor ist Niederländer und schreibt selbstverständlich in seiner Muttersprache. Im Interview ging er kurz auf die mittlerweile langjährige Zusammenarbeit mit seiner deutschen Übersetzerin Ira Wilhelm ein, er schätzt diese sehr und ist glücklich mit ihr, aber: sie übersetzt wohl auch recht frei. Da erschient bei mir im Kopf gleich ein Blinklicht, und ich denke mir, hach, wenn ich Niederländisch könnte, würde ich das hier sehr gerne im Original lesen.
„Dius“ ist autobiographisch geprägt; dies schicke ich auch mal kurz vorweg, das finde ich nämlich auch immer einen spannenden Hinweis – es gab wohl auch tatsächlich in Hertmans Leben mal einen Studenten, der an seiner Tür geklingelt hatte und sein Freund sein wollte. Allerdings werden wir zum „Echten Dius“ keinen weiteren Hinweis bekommen, der wird für immer anonym bleiben, sagt der Autor.
Aber zurück zum Buch. Wir sind in der flämischen Kunstszene in den ich würde sagen 80er Jahren. Anton ist Dozent für Kunstphilosophie, Dius ein aufstrebender „junger Wilder“, ein Künstler mit Visionen. Anton ist noch recht jung und schriebt an seiner Dissertation, Dius ist 10 Jahre jünger. Dius platzt wie schon der Klappentext sagt recht ungeniert in Antons Leben hinein, und Anton lässt sich mitreißen: die beiden so ungleichen Männer freunden sich miteinander an. Und nein, das ist keine Lovestory, die zwei sind nicht homosexuell, das hier ist kein queerer Roman, wir haben hier zwei heterosexuelle Männer, die einfach zu einer lebenslangen Freundschaft zusammenfinden. Sie lieben leidenschaftlich einander, aber komplett platonisch. So sagt der Autor auch, die Frage, was denn Freundschaft für ihn als heterosexuellen Mann eigentlich bedeutet, war ein Ausgangspunkt des Romans. Wir Leser begleiten Anton und Dius durch die Jahrzehnte ihrer Freundschaft; das heißt, der Roman ist eigentlich eine Art Memoir Antons. Lange Jahre haben die beiden auch gar keinen Kontakt zueinander; Jahre, in denen Dius in Bergamo wohnt und eine Familie gründet; Jahre, in denen Anton ohne Familie alt wird. Doch dann sollen sich die beiden wiedertreffen, und vieles ist anders. Dius hatte einen schlimmen Unfall, ist physisch wie psychisch verletzt, und das Verhältnis zwischen den Freunden bekommt einen neuen Dreh. Beide Männer sind am Ende verletzt – und ich spoilere mal (aber der Autor hat auch gespoilert, daher erlaube ich mir das hier ebenfalls), Dius wird sehr tragisch sterben, was Anton im Herzen verletzt. Was aber auch wieder sein leben verändern soll, und zwar unerwartet positiv….
Ja, irgendwie mal ein ganz anderes Buch. Sehr viele Gedanken zum Thema Freundschaft und Liebe. Anton als der total kopflastige Uni-Professor neigt dazu, alles zu analysieren und zu sezieren, und seine Gedanken teilt er uns Lesern mit. Das Buch wurde, sagt Hertmans, von ihm sehr intuitiv geschrieben, wir machen hier auch diverse Ausflüge in die Kunsttheorie – und das ist spannend, denn Kunst ist eines der Lebensthemen Antons als auch Hertmans. Wenn Anton über Kunst und Künstler doziert, merkt man: Hertmann kennt sich wirklich aus. Das macht einfach Freude, zu lesen (okay, man sollte ein bisschen was für Kunst per se übrig haben, und für klassische Musik am besten auch; sowohl Dius als auch Anton hören gerne Klassik, und es gibt passend zum Buch auf spotify auch eine Playlist, die man sich herunterladen kann. Ich hab das getan, ich liebe solche Extras; und die Playlist ist sehr Bach- , Mahler- und Händel-lastig; sehr schön, muss man aber mögen :-))
Hier gehts zur Playlist: LINK
Ja, die Kunst. Bei „Dius“ und Hertmans ist sie nicht elitär, und darum, dass sie Kraft und Hoffnung gibt. Ich denke, darum geht es auch: es gibt immer Hoffnung, egal wie brutal das Leben auch zuschlagen mag. Jeder hat so seine Narben, mit denen er leben muss, und es geht immer weiter – und kann wunderbar weitergehen.
Der Roman hat mich unerwartet berührt, und es war mir eine Freude, ihn zu lesen.
Ich bedanke mich beim Diogenesverlag für das Rezensionsexemplar und wünsche dem Buch super viel Erfolg!