von Celeste Ng

übersetzt von Brigitte Jacobeit

Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG / Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. April 2018 / Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten

Link zum Buch

Ein Bestseller. Eine Bestsellerautorin. Dieses Buch nun auch mit Reese Witherspoon erfolgreich verfilmt. An Ms Ng kommt man seit ein paar Jahren nicht vorbei. Und ihr zweites Werk, diese „Kleinen Feuer“, ist nun auch das Buch der Wahl in meinem Buchklub, also habe ich es geordert und gelesen. Und meine Besprechung hier wird voraussichtlich etwas länger und nicht spoilerfrei, also wer das Buch noch nicht kennt, sollte nun eher nicht weiterlesen.

Ich habe mich mit dem Buch relativ schwer getan. Ich wollte es gut finden, ich fand auch den Klappentext recht ansprechend, und nach den ersten Seiten war zumindest klar: schreiben kann sie, die Autorin (oder sie hat eine sehr gute deutsche Übersetzerin), der Stil ist bildhaft, flüssig, und durchaus auch mit etwas Anspruch. Kann man also sehr gut durchlesen.

Allerdings war mir lange nicht klar, um was es jetzt hier eigentlich geht. Ich hatte mehr als 100 Seiten gelesen, da fragte mein Mann, um was es in dem Roman geht. Und ich so: Äh ja…..hm. Also, ich fasse zusammen, auf den ersten über 100 Seiten kriegen wir erst mal die Cast allesamt vorgestellt. Passieren tut da nicht viel.

Zeitlich sind wir so in den 90ern des letzten Jahrhunderts. Eine konkrete Zeitangabe wird nicht gemacht, zumindest kann ich mich nicht an eine erinnern, aber ich ordne das mal so ein. Kurz vorm Handyzeitalter, social media spielt noch keine Rolle.

Wir sind in dem spießigem Städtchen Shaker Heights im amerikanischen Ohio, und gefühlt ist Shaker Heights nicht nur ein Ort, sondern auch eine Art Protagonist für sich. Die Autorin wird nicht müde, zu betonen, dass hier alles bis ins kleinste Detail reguliert ist, durchgeplant am Reißbrett, und alles einfach gut und schön ist. Ich bin oft zwar nicht sicher, ob das nicht zum größten Teil versteckte Ironie ist, aber wie dem auch sei: Shaker Heights ist speziell. Und hier wohnen die Richardsons; Mama Elenas Familie gehört zu den Gründervätern der Stadt, und die Richardsons haben es zu Wohlstand gebracht. Sie haben 4 Kinder, 2 Jungs und 2 Mädels, die ersten 3 davon problemlose small-town-Teenies, nur die jüngste – Izzy – hat eine rebellische Ader. Mehrfach betont die Autorin, diese Ader hat sie von der Frau Mama geerbt. Bloß dass der diese Ader irgendwann mal abhanden gekommen ist….

Und dann gibt es im Kontrast dazu die alleinerziehende Künstlerin Mia und ihre Teenagertochter Pearl, die irgendwann – nach -zig Umzügen – in Shaker Heights auftauchen. Sozusagen das Prekariats-Gegenstück zu den Richardsons. Arm, aber die beiden haben sich und lieben sich (Achtung, Klischeeschublade geht bei mir weit auf und bleibt offen). Elena denkt sich, hey, ich tu’ mal was Gutes und vermietet den beiden für kleines Geld das Zweithaus der Familie, und hey, tu’ ich doch gleich noch was Gutes und biete Mia noch einen Putzjob bei uns zuhause an, dann kann sie noch was dazuverdienen. Mia nimmt an – Stolz muss man sich leisten können – und dann haben wir das seltsame Konstrukt, dass Pearl sich mit den 3 älteren Richardson-Kids anfreundet und jeden Tag bei ihnen zuhause abhängt, während ihre Mama ein paar Mal die Woche dort zum Haushalten auftaucht.

Izzy nun macht es genau umgekehrt, sie findet Mia cool als Künstlerin und Freigeist, und während Pearl bei ihr zuhause ist, wird Izzy bei Mia sein und ihr bei künstlerischen Arbeiten assistieren.

Und diese Vorstellung der Hauptdarsteller zieht sich durch das gesamte erste Drittel des Buches. Dadurch, dass der Erzählstil flüssig und gefällig ist, kann man es gut lesen – aber irgendwie zieht es sich, und ich habe des Öfteren gedacht: okay, und was passiert hier nun so?

Aber Gemach: es bahnt sich dann doch noch Action und Dramatik an. Wir haben hier noch Themen wie Coming-of-Age mit ungewollten Teenie-Schwangerschaften, wir haben Rassismus (der selbstredend in Shaker Heights nicht geduldet wird, und mehrfach wird die tolle Beziehung zwischen der weißen Lexie Richardson und ihrem schwarzen Freund betont), und wir haben – Achtung, jetzt kommt der mMn zentrale Actionpoint – die Story um die Adoption des chinesischen Mädels Mirabelle. Und jetzt hole ich ein wenig aus. Eines schönen Morgens wird auf der lokalen Feuerwache ein chinesisches Baby gefunden. Ausgesetzt. Und die neuen überglücklichen Adoptiveltern sind Linda McCullough und ihr Mann, alteingesessen in Shaker Heights. Linda ist Elenas beste Freundin aus Kindertagen, und das Leben könnte so schön sein, wenn nicht Mia durch Zufall die leibliche Mutter des Kindes identifizieren würde. Und diese ihre postnatale Depression, ihre Verzweiflung etc you name it mittlerweile überwunden hat und ihre Tochter schmerzlich vermisst…. Also der geneigte Leser weiß, wo es drauf hinausläuft, oder? Die chinesische Mama – Bebe – will ihre Tochter zurück, Linda will das nicht, und es kommt zu einem medialen Großereignis, das die Stadt erschüttern soll. Auf der einen Seite ein chinesisches Baby mit einer Mutter ohne Geld, und auf der anderen Seite ein wohlhabendes weißes amerikanisches Paar, das dem Kind Liebe ohne Ende und tja, auch Geld, bieten kann.

Elena will ihrer Freundin vor Gericht helfen und macht sich nun ihrerseits auf, dunkle Flecken in Mias Vergangenheit aufzudecken und das klappt auch recht gut, da ist man als Leser durchaus erstaunt, wie-viel man mit detektivischer Kleinarbeit und den richtigen Connections über seine Mitmenschen herausfinden kann. Die Lage spitzt sich dann irgendwann zu, die Kleinstadtidylle wird zum Kleinstadtalptraum, und am Ende fackelt das Haus der Richardsons ab. Kleine Feuer überall: das bezieht sich auf den Brand. Nicht nur, aber auch.

Mia und Pearl ziehen wieder von dannen, sie fahren in ihrem Golf und ihren wenigen Habseligkeiten so unspektakulär wieder von aus, wie sie ein paar Jahre zuvor ankamen, nur dass sich für die Richardsons nun einiges unwiderruflich verändert hat, und die Stadt um ein paar handfeste Skandale reicher ist.

Sooooo.

Das erste Drittel passiert nix, und dann am Ende überschlagen sich die Ereignisse. Und trotz allem habe ich zu keinem der Protagonisten eine rechte Beziehung aufbauen können. Dafür waren es irgendwie zu viele Personen, zu viele Sub-Plots, auf zu wenig Seiten. Das ist wieder so ein Ding mit vielen zeitgenössischen Romanen, vorwiegend weiblicher Autorinnen: es werden unglaublich viele Themen unbedingt aufgegriffen und verarbeitet, und ja, schön, am Ende kommen die Fäden auch alle wieder zusammen, aber irgendwie ist kein Sujet richtig und mitreißend auserzählt. Aber es muss alles reingepackt werden, was die allgemeine gesellschaftliche Lage gerade an Diskussionspunkten so hergibt. Da kommt dann für mich selten was bei raus, was mich lesetechnisch flashed und mitnimmt.

Die Erzählperspektive ist auktorial, also ohne Ich-Erzähler, und an vielen Stellen leicht distanziert. Jedem der vielen Protas wird Raum eingeräumt, was aber im Endeffekt bedeutet: für keinen ist hier wirklich viel Raum, und keiner hat mich wirklich emotional berührt.

Mich hat das Buch nicht wirklich überzeugt. Aber gut – jetzt habe ich es auch gelesen und kann mitreden. Ich gebe mal 3 von 5 Sternen. War nicht schlecht. Gut aber auch nicht. Die TV Serie werde ich mir nicht geben, aber ich könnte mir vorstellen, dass gute Schauspieler da was bei rausholen können; und wenn man sich hier Zeit zum Erzählen nimmt, kann das durchaus gut werden. Aber mich interessiert es nicht mehr.

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Porträt

Celeste Ng

Celeste Ng, geboren 1980, wuchs in Pittsburgh, Pennsylvania, und in Shaker Heights, Ohio, auf. Sie studierte Englisch in Harvard und Kreatives Schreiben an der University of Michigan. ›Was ich euch nicht erzählte‹ stand genauso auf der Bestsellerliste wie ›Kleine Feuer überall‹, das auch als Miniserie verfilmt wurde. Celeste Ng lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Cambridge, Massachusetts..Brigitte Jakobeit lebt in Hamburg. Sie übersetzt u. a. William Trevor und Patti Smith und wurde mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

entnommen Thalia.de

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