von Rachel Khong
übersetzt von Tobias Schnettler
erschienen 2026 bei Kiepenheuer&Witsch

Klappentext: „Ein großer amerikanischer Roman darüber, was uns zu denen macht, die wir sind
Der große Bestseller aus den USA – so ein Buch gibt es nur alle zehn Jahre! Ein Sommer in New York, der alles verändert. Ein Sohn auf der Suche nach seiner Herkunft. Und die große Frage: Was macht uns zu dem, was wir sind? Sie werden dieses Buch nicht aus der Hand legen können.
New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn.“
Der Klappentext klang interessant, und der Verlag bringt diesen Roman gerade mit einer relativ großen Werbekampagne heraus unter dem Motto „Deutschland liest ein Buch“ und begleitet diesen Roman mit special Events, Lesungen und der Hoffnung, dass das Lesen eines gemeinsamen Buches Diskussionen anregt und Menschen verbindet. Finde ich eine tolle Idee, und als Leiterin von Lesekreisen dachte ich mir, das Buch lese ich doch mal 🙂
Nun also dieser New York Times Bestseller einer mir unbekannten relativ jungen Autorin (Ms Khong ist Jahrgang 1985).
Kurz zum Inhalt: wir beginnen 1999; die 22 jährige Lily Chen ist Chinesin, die Eltern kommen beide aus China, sind Wissenschaftler mit Schwerpunkt Genetik, und haben China komplett hinter sich gelassen. Zumindest ist Lily so amerikanisch wie es nur geht aufgewachsen: sie spricht nur englisch und kennt ihre familiären Wurzeln nicht. Lily verliebt sich in Matthew, den schwerreichen Erben eines Pharmaunternehmens, und die beiden scheinen kurze Zeit sehr glücklich. Doch wie sagt der Klappentext, zwei Welten prallen aufeinander, und die Frage ist: kann das funktionieren? Lily und Matthew probieren es, aber dramatische Ereignisse aus der Vergangenheit bahnen sich ihren Weg und – Spoiler alert: es klappt nicht. Oder halt, ein Spoiler in dem Sinne ist das jetzt auch wieder nicht, denn wir wissen ja schon aus dem Klappentext, dass Lilys Sohn Nick 21 Jahre später auf Suche nach seinem Vater geht, also ist irgendwo klar, die beiden haben sich getrennt, und zwar dergestalt, dass Lily und Chen sich auf eine einsame Insel weitab vom Schuss flüchten und dort ein ruhiges Leben führen. Natürlich stellt Nick irgendwann die Frage nach seiner Herkunft, und im Internet-Zeitalter ist so eine Recherche ergiebiger als früher…..
Okay, ich muss jetzt doch einen kleinen Spoiler bringen; so peu à peu erfahren wir als Leser relativ viel von der ganzen Familie rund um Lily und Matthew, denn peu a peu während sich die Geschichte rund um Nicks Leben entfaltet, erhalten auch andere Familienmitglieder das Wort und den Raum, von sich zu erzählen. Es gibt Rückblicke in Lilys leben, in Matthews Leben, wir begleiten wie gesagt Nick einige Jahre lang sehr intensiv, aber auch die Großeltern treten auf: Otto, Matthews Vater, der ein weltweites Unternehmen mit Schwerpunkt genetische Forschung leitet; und vor allem Mei, Lilys Mutter, erzählt aus ihrem Leben. Und das war jetzt für mich eigentlich der „Highlight-Erzählstrang“, denn das ist jetzt mal wirklich spannend gewesen. Mei, das Bauernmädchen von den Reisfeldern, die es geschafft hat, zum Biologiestudium in Peking zugelassen zu werden und dann die Kulturrevolution Maos am eigenen Leib erfahren durfte….
Wir haben hier also einen großen Familienroman, der sich auf etwas mehr als 500 Seiten entfaltet.
Aber das Thema, das der Autorin unter den Fingernägeln brennt, ist – wir kommen wieder zurück zum Klappentext – die Frage, wer wir wirklich sind. Wo kommen wir her? Was macht uns zu dem, was wir sind? Identität: was ist das überhaupt?
Und somit haben wir zwar einerseits durchaus den großen Familienroman, andererseits aber fehlen die vielen verbindenden Elemente zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, denn gefühlt ist wirklich jeder der Protagonisten nur damit beschäftigt, sich selbst zu analysieren und sich immer und wirklich immer wieder zu fragen, wer er oder sie eigentlich ist. Und wenn die Hälfte der Familie im Bereich der Genetik wissenschaftlich tätig ist, dann geht es natürlich irgendwann auch um die Frage, wie viel kann die moderne Genetik eigentlich machen? Was kann, was darf sie am menschlichem Erbgut ändern? Dürfen Eltern derlei Eingriffe machen, um ihre Kinder vor Erbkrankheiten beispielsweise zu schützen? Stichwort: gut gewollt ist nicht unbedingt super gelaufen und eventuell auch übergriffig….hm….?!
Aber auch ohne dass wir jetzt das Thema Genetik und Eingriffe in dieselbe nehmen, tanzt für mich gefühlt jeder dieser Familie um sich selbst und die Überlegung, wieso er jetzt echt so ist, wie er ist.
Was soll ich sagen? Einerseits war die Geschichte interessant, super flüssig geschrieben, ich bin durch die Seiten teils echt geflogen, aber andererseits hat mir so der entscheidende Lesekick oder -spass doch gefehlt. Die Protagonisten sind mir bis auf Mei alle sehr fremd geblieben, die waren für mich alle nicht so nahbar. Mir fehlte die menschliche Interaktion. Zu wenig Emotionen untereinander, zu viel Nabelschau um den jeweils eigenen Nabel.
Da war irgendwie keine Tiefe.
Die Thematik indes ist natürlich interessant, und ich denke, dieses Buch eignet sich trefflich für Lesekreise und Diskussionen; das bietet hier Stoff für viele Unterhaltungen, was beispielsweise in der vorgeburtlichen genetischen Diagnostik machbar wäre (das ist übrigens hier nur ein Randthema), und was ansonsten mit Eingriffen in die Genetik ethisch und moralisch vertretbar ist. Und natürlich haben wir hier auch genug Stoff, an dem sich eine Rassismus- und Sexismusdebatte entfalten kann; you name it.
Was ich auch ein wenig salopp gesagt doof fand: selbst in den Bereichen, in denen es um „genetische Machenschaften“ ging, fehlte mir die Tiefe. Klar, das hier ist ein Roman, aber wenn ich schon gewisse Dinge einbaue, dann fände ich es schon passend, wenn ein wenig mehr kommt als nur der dezente Hinweis auf eine Spritze, die diesen oder jenen Effekt haben soll. Das ist mir dann etwas zu mager wissenschaftlich untermauert.
Man merkt es, ich hadere etwas mit dem Roman.
Ich habe jetzt länger darüber nachgedacht, und wenn ich mich auf eine Sterneanzahl festlegen muss, um meine Bewertung auf den gängigen online-Portalen hochzuladen, komme ich über 3 Sterne nicht hinaus. Das hier ist ein Faszinosum: man kann garantiert sich die Köpfe drüber heiß reden und über diesen Roman auch miteinander ins Gespräch kommen, aber die Story und die Protagonisten an sich haben mich nicht wirklich berührt, und ich finde, das muss Literatur: berühren.
Nun gut. Ich bedanke mich trotzdem sehr herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!