von Shelley Read

erschienen 2023 Hardcover bei Bertelsmann / 2025 Taschenbuch bei Penguin

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Superschönes Cover, interessanter Titel – irgendwie hat mich das Buch aber nie so richtig gereizt. Demnächst ist es aber die Monatslektüre bei meinem Buchclub, also hab ich es nun doch gelesen…..und hab die Lektüre jetzt erst einmal ein paar Tage sacken lassen müssen.

Nun zum Inhalt. Ich mache das jetzt etwas ausführlicher, und werde wohl spoilern, also wer das Buch noch nicht kennt, braucht jetzt nicht weiterzulesen 🙂

Wir sind in Colorado in den 1940 irgendwo im nirgendwo in einem Kuhkaff namens Iola. Hier wohnt die 17jährige Victoria auf einer alteingesessenen Pfirsichfarm. Dir Farm läuft ganz gut, das Familienleben läuft nicht gut. Vor Jahren sind bei einem tragischen Unfall Victorias Mutter, ihre Tante und ihr Cousin gestorben, und zurückgebliebn sind der Vater, ihr jüngerer Bruder Seth und Onkel Og. Og ist traumatisierter Kriegsveteran im Rollstuhl, Seth ein psychotischer Narzisst par Excellence, und der Vater einfach stumm in seiner Trauer gefangen. Victoria ist die Hausfrau und das unbezahlte brave Mädchen für alles. Keine gute Ausgangslage.

Eines Tages erscheint Wilson Moon auf der Bildfläche, ein junger Mann auf der Durchreise. Indianischer Abstammung, wie sich herausstellt, und Victorias leidenschaftliche erste Liebe. Das Leben ist plötzlich bunt und schön, doch gleich zu Beginn ist klar, die Liebe steht unter keinem guten Stern, denn Wilson als PoC wird sofort geächtet und die beiden treffen sich nur heimlich.

Es kommt eigentlich, wie es kommen muss, Wilson verschwindet eines Tages, und als seine Leiche wieder auftaucht, ist Victoria schon schwanger und entscheidet sich dafür, die Farm zu verlassen und in die Berge zu gehen. Wie der Klappentext schon sagt, in der Wildnis Colorados kämpft sie um das Leben; um ihres und das ihres ungeborenen Kindes, und hier bringt sie auch völlig allein das Kind auf die Welt.

Schon bald ist aber klar, auf Dauer funktioniert das nicht, und als Victoria sich auf den Rückweg zur Farm macht, trifft sie spontan eine folgenschwere Entscheidung: sie hinterlässt ihr Baby einer anderen frischgebackenen Mutter und trennt sich von ihrem „Baby Blue“. Die Umstände auf der Farm zuhause haben sich mittlerweile aber auch geändert, Onkel Og und Seth haben die Farm verlassen, und Victoria leitet gemeinsam mit ihrem Vater die Pfirsichplantage.

Noch einmal soll sich alles für sie verändern: ihr Vater stirbt und der Ort Iola soll komplett evakuiiert werden, denn anstatt der Stadt am Gunnison River soll hier ein Staudamm entstehen. Victoria verkauft alles, und beginnt noch einmal von neuem einige Meilen weiter den Fluss hinauf. Sie siedelt sich und alle ihre Pfirsichbäume komplett um, und beginnt einen Neuanfang……

So, das war es jetzt mal im Schnelldurchlauf. 368 Seiten voller Dramatik.

Was sag ich jetzt dazu? Ich mach es mal stichpunktartig.

Positiv:

  • sehr flüssiger und bildhafter Erzählstil. Der Roman lässt sich super weglesen „wie geschnitten Brot“.
  • Tolle Natur und Landschaftsbeschreibungen. Die Autorin beschreibt hier die Gegend, in der sie selber lebt und aufwuchs, und man spürt: sie kennt sich hier aus und liebt die Wildnis, die Weite, die Fülle. Ich hatte grosses Kino vor Augen.
  • Intensive Personenbeschreibungen. Ich hatte alle Protagonisten komplett vor mir und fand sie allesamt glaubwürdig
  • alles sehr emotional, aber auch alles sehr authentisch

Negativ:

  • ja, alles sehr emotional hier, und alles echt super dramatisch. Das war mir an vielen Stellen zu viel des Guten. Was für ein Leben. Victoria hat ein Trauma nach dem anderen zu bieten. Der frühe Verlust der Mutter, der Zerfall der Familie, der Terror durch den Psycho-Bruder und das ewige Gezeter zuhause. Nachts nicht in Ruhe schlafen zu können, weil Freunde des Psycho-Bruders an der Tür rütteln und man nicht safe ist. Die Ablehnung, der pure Hass, der ihrem Liebhaber Wilson entgegenschlägt. Der Verlust von Wil. Die einsame Schwangerschaft, die einsame Geburt, und last not least der Verlust des Babys. Das sind keine kleinen Dramen, das sind handfeste Traumata, unter denen Victoria ja auch noch jahrzehntelang leidet. Auch als ihr Leben irgendwann eine Wendung zum Besseren macht, ist sie ja trotzdem mental völlig kaputt. Ja, sie funktioniert, ja sie schliesst neue Freundschaften, und nein – sie ist völlig nachhaltig traumatisiert. Das fand ich persönlich super anstrengend. Und diese Traumatisierungen werden meines Erachtens hier nicht wirklich thematisiert. Gut, zum Ende hin haben wir Victorias neue Freundin Zelda, die sie auffordert, über diese Dinge auch mal zu reden, und ja, wir haben dann auch eine Art von Happy End, aber das kam für mich dann irgendwie etwas arg hopplahopp daher….

Mein persönliches Fazit: der Roman ist grossartig geschrieben, keine Frage, aber für mich persönlich war es zuviel Trauma und Negativität. Ich brauch nicht unbedingt rosarote Wohlfühlromane (obwohl…..die haben auch ihren Charme 🙂 ) , aber hier hab ich zwischendurch Lesepausen gebraucht. Das ist ja jetzt mein persönliches Dilemma, daher gebe ich dem Roman trotzdem 4 Sterne, aber ein zweites Mal würde ich das Buch nicht lesen wollen.

Den großen Hype um diesen Roman kann ich nicht wirklich nachvollziehen.


Interview mit Shelley Read // entnommen Amazon.de:

In Ihrem Roman „So weit der Fluss uns trägt“ werden viele große und aktuelle Themen verhandelt. Zum Beispiel ist Victoria Nash eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist. Woher kam die Idee für solch eine außergewöhnliche Figur?

Irgendwie kannte ich Victoria von Anfang an sehr gut. Vielleicht liegt das daran, dass sie viele Eigenschaften der Frauen verkörpert, die ich in meiner eigenen Familie und in meiner örtlichen Ranch- und Berggemeinde kennen gelernt habe – toughe, loyale, freundliche, bescheidene Frauen, die hart arbeiten und tun, was getan werden muss. Ich spürte bei Victoria auch eine gewisse Naivität und Erwartungskonformität, die aus ihrem begrenzten Verständnis von sich selbst und der Welt resultiert – ein Gefühl, das ich aus meiner eigenen Jugend kenne. Victoria will immer das Richtige tun, aber sie ist sich ihrer selbst nicht sicher. Diese Unschuld beginnt von dem Tag an zu schwinden, an dem sie Wilson Moon trifft. Erst als Victoria lernt, ihrem eigenen Herzen und ihrer Stärke zu vertrauen, findet sie ihren Weg.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Idee des „Werdens“ – woher stammt dieser Gedanke?

In meinen Universitätskursen beschäftige ich mich seit langem mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die zu den Native Americans gehören, und deren Vorstellungen vom Leben. Eine der faszinierendsten Ideen darunter, ist die von zyklischer Zeit. Hierbei geht es im Kern darum, dass sich alles Leben in einem ständigen Zustand des Werdens befindet. Ich liebe diese Perspektive. Sie spiegelt sich in jedem Aspekt der natürlichen Welt wider, und sie prägt auch mein eigenes Selbstverständnis. Wie der Wald und der Fluss ist auch unser Leben mehr ein Prozess als eine Ankunft. Einer der Vorteile davon, meinen ersten Romans in meinen Fünfzigern geschrieben zu haben, besteht darin, dass ich schon so lange über die Idee des Werdens nachdenke und Ebbe und Flut des Lebens in mir selbst beobachtet habe.

Auch Pfirsiche spielen eine zentrale Rolle in der Handlung. Warum haben Sie sie ausgewählt?

Colorado-Pfirsiche vom Westhang sind berühmt für ihre Süße. Die meisten von ihnen werden in den üppigen Anbauflächen der North Fork und Grand Valleys angebaut, wo kühle Nächte und warme Tage in Verbindung mit einer mineralhaltiger Schneeschmelze ihren Geschmack verbessern. Die Pfirsichblüten sind so empfindlich und anfällig für Frühjahrsfrost, dass jeder Pfirsich aus Colorado wie ein Wunder erscheint. In Wirklichkeit sind sie jedoch der Erfahrung von Generationen von Landwirten und sorgfältiger Pflege zu verdanken.

In dem trockenen Klima des Gunnison County, in dem der Roman spielt, gedeihen jedoch keine Pfirsichbäume, und höchstwahrscheinlich hat auch kein Einwohner von Iola jemals versucht, sie anzubauen. Gerade deshalb habe ich diesen Ort gewählt, an dem die Wunderpfirsiche der Familie Nash wachsen. Sie sind Quelle der Einheit für die sonst so unruhige Familie und gleichzeitig Metapher dafür, dass Wachstum auch unter schwierigen Umständen möglich ist.

Der Roman spielt in dem Ort Iola, der für ein Stauseeprojekt überflutet wurde. Können Sie uns etwas über den realen Hintergrund erzählen und warum Ihnen das als Inspiration diente?

Iola war eine kleine Viehzüchtergemeinde am Gunnison River, die 1896 gegründet wurde. Wie im Westen Colorados üblich, trugen drei entscheidende Faktoren zum Aufstieg und Fall von Iola bei: der Vorrang der Viehzucht, die Rolle der Eisenbahn und vor allem die Wasserressourcen. In der Blütezeit hatte Iola etwa 250 Einwohner, von denen die meisten von der Viehzucht, der Landwirtschaft und dem Fliegenfischtourismus lebten – bis, wie ich im Roman schreibe, die US-Regierung diesen Abschnitt des Gunnison Valley für einen neuen Staudamm und einen Stausee auswählte, die Teil eines umfassenden Wasserbewirtschaftungsplans für das Great Basin waren. Ich wuchs mit dem Wissen über die drei Städte auf, die auf dem Grund des Blue Mesa Reservoir liegen, und habe mich lange gefragt, wie das Leben und der Verlust für die Bewohner waren. Die Vertreibung von angestammtem Land hat im amerikanischen Westen eine lange und tragische Tradition. Iola ist für mich ein interessanter Ort, um diese Themen zu erforschen.

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