von Hans-Günter Wagner
erschienen 2026 im origoverlag

Klappentext: „Heute ist der Buddhismus auch im Westen überall präsent. Doch vieles, was er lehrt, war ohnehin schon lange ein Bestandteil der abendländischen Kultur. Dieses Buch zeigt offene und verborgene buddhistische Inhalte im westlichen Denken, von der Philosophie und Literatur, über Wirtschaft und Ökologie bis hin zum Alltagsleben in der Erfahrung von Glück und Lebenssinn. In den Werken von G.W.F. Hegel, Arthur Schopenhauer oder Ludwig Wittgenstein lassen sich Themen wie die Vergeblichkeit und Leidhaftigkeit allen Verlangens ebenso entdecken wie Motive der Ichlosigkeit und nirvanischen Sehnsucht. Gleiches gilt für Romane und Erzählungen von Thomas Mann, Alfred Döblin, Theodor Storm oder Milan Kundera. Dieses Buch unternimmt eine wissenschaftliche und literarische Spurensuche. In vielen Anekdoten des chinesischen und japanischen Buddhismus taucht immer wieder das Motiv einer „Zypresse hinter dem Haus“ auf. Damit ist der Buddhismus gemeint, der aus Indien nach China kam. Aber die Erleuchtung die er lehrt, musste gar nicht aus weiter Ferne kommen. Sie war in den Samen der heimischen Zypressen immer schon gegenwärtig. Das ist gilt auf ähnliche Weise auch für den Westen. In diesem Buch wird der Präsenz des Buddhismus als Idee und Lebensmodell im westlichen Denken und bis hinein in die Tiefen des Alltagslebens nachgespürt. Buddhistische Sichtweisen auf Leid und Freude, Vergänglichkeit und Erlösung finden sich auch bei vielen unserer Schriftsteller, Philosophen und Theologen. Parallelen gibt es weiterhin zur modernen Wissenschaft. Buddhistisches Denken hat bereits auf Gebiete wie die Psychologie und Ökologie ausgestrahlt und kontrastierende Forschungen angeregt. Es wurde auch schon versucht, buddhistische Wahrheiten anhand der Erkenntnisse der Quantenphysik zu belegen. Das war nicht immer erfolgreich, wie in diesem Buch gezeigt wird und auch, warum der Buddhismus selbst keine Wissenschaft ist. Dabei werden sehr unterschiedliche Quellen herangezogen, die auf diese Weise bisher nur selten zusammenflossen.“
Als Yogalehrerin habe ich immer wieder Berührungspunkte mit dem Buddhismus; meist recht schnöde und erwartungsgemäß, wenn es um den Bereich Meditation geht. Meditation ist super vielschichtig per se, und generell werden in der Yogaszene gerne buddhistische Meditationen / Meditationsformen übernommen, oder zumindest in Ansätzen „eingewestlicht“. Ich bin daher immer sehr offen für alle Texte / Bücher / Vorträge, die mir den Buddhismus näher bringen, und daher habe ich mich gefreut, als mir die Agentur Buchcontact dieses Werk hier zum rezensieren angeboten hat. Soviel erst mal zu meiner persönlichen Motivation. Ich persönlich sehe den Buddhismus für mich als Philosophie, bei der ich viel mitnehmen kann, für mich ist es weniger Religion, das muss ich aber auch vorausschicken; und wenn ich den Autor richtig verstanden habe, sind wir uns in diesem Punkt weitestgehend einig 🙂 .
Und nun kurz zu Herrn Wagner, dem Autor dieses rund 500 Seiten starken Buches; er ist Experte für den Buddhismus und hat schon mehrere Standardwerke zu diesem Thema verfasst. Immer wieder erwähnt wird z. Bsp. sein Buch „Buddhismus in China“. Und nun also die „Spurensuche in der westlichen Kultur“.
Wagner hat lange Jahre in China verbracht, ist Chinesischlehrer, und langjähriger Mitarbeiter im International Network of Engaged Buddhists (INEB). Er hat also Ahnung von seinem Sujet 🙂
Zum Buch: Natürlich beginnt es mit einer generellen Einführung in den Buddhismus, mit den Grundlagen der Lehre, mit dem Buddha als Person und den verschiedenen philosophischen Schulen, aber dieser Abschnitt ist tatsächlich relativ kurz gehalten. Im Anschluss daran setzt sich der Autor mit vielen westlichen Aspekten auseinander und setzt diese in direkten Zusammenhang mit dem Buddhismus; und das ist recht spannend und vielschichtig. Ich benenne einfach mal ein paar Kapitel; wir haben hier „Buddhismus und westliche Philosophie“, „Buddhismus, Christentum und Atheismus“, „Buddhistische Ökonomie“, „Buddhismus in den Künsten“beispielsweise mit diversen Unterkapiteln; und man kann sich hier wunderbar einzelne Dinge rauspicken, die einen besonders interessieren. Finde ich ganz gut gemacht, das hier ist ein Sachbuch, das muss ich nicht wie einen Roman von A – Z chronologisch durchlesen.
Ich habe mir natürlich als erstes die Kapitel über die Meditation vorgenommen: „Innere Erfahrung und ethisches Handel“ als Überkapitel, „Buddhistische Meditation von Achtsamkeit bis Gottheitenyoga“ und „Zwischen Mitgefühl und kategorischem Imperativ- Beiträge des Buddhismus zum modernen Ethikdiskurs“ als Unterkapitel. Und klar, es geht um Meditationstechniken – und der Autor beschreibt diese auch extrem gut. Das mal nebenbei, ich bin mir sicher, er wäre auch ein sehr gute Meditationslehrer. Und ja; er ist auch ein Kenner der westlichen Meditation; der mittelalterlichen Kontemplationspraxen, und setzt die östlichen und westlichen Methoden wunderbar in Bezug zueinander. Sehr interessant, und ich hab auch was über meinen eigenen Kulturkreis gelernt.
„Buddhistische Spuren in der westlichen Lyrik“ – ich greif jetzt noch mal ein anderes Unterkapitel heraus – fand ich auch spannend. Wir haben ja hier in Deutschland sehr viele Lyriker und Autoren, die vom Buddhismus inspiriert wurden; auch ohne Wagner würde mir auf Anhieb Herrmann Hesse mit „Siddhartha“ einfallen; und Wagner macht das hier systematisch und startet mit Rainer Maria Rilke und seinem bekanntem Gedicht „Buddha“. Aber auch die japanischen Haikus und Koans werden erläutert (und endlich mal jemand, der einem diese Dinge verständlich erklärt), Wilhelm Busch wird zitiert mit buddhistisch inspirierten Versen (wer hätte damit gerechnet? Ich nicht!); und generell vergleicht Wagner, wie westliche Philosophen im Vergleich zu buddhistischen den Sinn des Lebens auffassen und wo es Berührungspunkte gibt. Salopp ausgedrückt. Wagner schreibt nicht ganz so salopp 🙂 , aber doch sehr gefällig und gut lesbar; man kann das Buch durchaus flüssig lesen. Er kennst sich aus in der Materie und kann wunderbar darüber referieren; das hier ist echt ein Buch zum immer wieder hineinlesen und nachschlagen; und wie gesagt, man kann dem Autor wunderbar folgen. Das hier ist zwar ein wissenschaftliches Werk, aber nicht zu verkopft geschrieben, sondern, ich wiederhole mich, gut lesbar.
Ach, noch ein Unterkapitel, mit dem ich nicht gerechnet hätte, und das ich mir als „Lesehäppchen“ herausgepickt habe: „Buddhismus für Menschen jenseits tradierter Geschlechtsidentitäten“. Man meint ja irgendwie immer (zumindest in der Yogaszene ist das eine allgemeine Auffassung), der Buddhismus wäre im Vergleich zum Katholizismus beispielsweise extrem LGBTQXYZ-freundlich, und ja, Wagner verweist auch durchaus auf die etwas größere Toleranz buddhistischer Meister gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren, aber in den buddhistischen Texten findet man zu diesem Thema doch generell sehr wenig Konkretes, und was man findet, ist auch nicht unbedingt unumstritten. Obwohl zugegebenermaßen in Südostasien das „dritte Geschlecht“seit jeher Anerkennung gefunden hat. Also, auf jeden Fall auch hier ein spannendes aktuelles Thema, das der Autor sachkundig aufgegriffen hat.
Mein Fazit: hier ist ein fundiertes Sachbuch, mit vielen weiterführenden Quellenangaben, gut strukturiert, gut recherchiert, gut lesbar. Wer sich mit dem Buddhismus intensiver auseinandersetzen möchte, ist hiermit auf jeden Fall sehr gut bedient; von mir gibt es hier auf jeden Fall eine Empfehlung!
Vielen Dank an den Verlag und die Buchcontact-Agentur für das Rezensionsexemplar!