von Petra Pellini
erschienen 2024 bei Rowohlt Kindler
Hörbuchvariante: erschienen im Argon Verlag
gesprochen von Marie-Isabel Walke
7 Stunden und 4 Minuten

Klappentext: „“Es gibt zwei Menschen, die mich von der Sache mit dem Auto abhalten. Kevin und Hubert. Kevin wohnt um die Ecke, ist voll intelligent und Hubert wohnt im dritten Stock und ist voll dement.“
Linda ist fünfzehn und spielt mit dem Gedanken vor ein Auto zu laufen. Doch noch halten zwei Menschen sie davon ab, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen: Ihr einziger Freund Kevin, der daran verzweifelt, dass die Welt am Abgrund steht. Und Hubert, sechsundachtzig Jahre alt, ein Bademeister im Ruhestand, der seine Wohnung kaum mehr verlässt, Karotten toastet und auf seine Frau wartet, die vor sieben Jahren verstorben ist. Dreimal wöchentlich verbringt Linda den Nachmittag mit Hubert, um ihr Taschengeld aufzubessern und die polnische Pflegerin Ewa zu entlasten, die mit durchaus eigenwilligen Mitteln ihren Beruf ausübt. Der Alltag gelingt mal mehr, meist weniger.
Mit eigensinnigem Humor und Geschichten aus dem Schwimmbad versucht Linda, die Erinnerungen des alten Bademeisters wach zu halten – an die Sommer im Strandbad oder die Liebe zu seiner Frau Rosalie. Bis das Schicksal Lindas Pläne durchkreuzt …“
Dies ist einer der Romane, die wir in meinem Lesekreis dieses Semester besprechen, und wäre mir ansonsten auch völlig entgangen; ich hab das Buch vorher noch nirgends gesehen, ist mir zumindest null aufgefallen. Ich habe es jetzt als Hörbuch gehört, und nachdem ich mich die erste Viertelstunde gefragt habe, auf was ich mich hier eigentlich eingelassen habe …. war ich dann irgendwie völlig „angefixt“ und in die Story eingesogen. Also, der Roman braucht ein wenig Anlaufzeit 🙂
Hierum geht’s (und Achtung, ich hab ein paar kleinere Spoiler in dieser Rezi): Die 15jährige Linda ist die Ich-Erzählerin. Wir sind in einer Kleinstadt in einem Wohnblock; Linda wohnt mit ihrer alleinerziehenden Mutter im unteren Stockwerk, Linda ist nicht wirklich depressiv aber schwer pubertierend und schäumt vor Lebensfreude nicht gerade über. Sie hat aber durchaus einen sehr gesunden Menschenverstand und analysiert teils messerscharf ihre Umgebung. Sie hat 2 Freunde; den einige Jahre jüngeren hochintelligenten Kevin (und der zeigt durchaus depressive Züge) und den hochbetagten Hubert. Hubert ist Ü80 und dement; wohnt im 3. Stock und Linda bessert, wie der Klappentext schon sagt, 3 mal die Woche ihr Taschengeld damit auf, indem sie in besucht und die polnische Vollzeitpflegerin und „live in“ – Fachkraft Ewa damit entlastet. Lindas Mutter ist mit diesem Job meist eher semi-glücklich, sie findet, das sei zu viel Verantwortung für Linda, und sie blickt das Verhältnis zwischen Linda und Hubert und Ewa auch über lange Strecken nicht so wirklich….
Ja, und genau um dieses Verhältnis geht es auch. Zumindest zum Teil. Linda beschreibt ihren Alltag und ihr Leben mit Hubert, Ewa und Kevin. Es geht um Freundschaft, es geht um gegenseitigen Respekt, es geht um mental health, es geht um Demenz. Linda lässt uns daran teilhaben, wie die Demenz bei Hubert unaufhaltsam voranschreitet. Während sich Ewa zum größten Teil um das leibliche und pflegerische Wohlergehen von Hubert kümmert und den Haushalt in Schuss hält, ist Linda eher so eine Art Gesellschafterin für den alten ehemaligen Bademeister, und auf ihre lakonische und ganz und gar von Hausverstand geleitete Art und Weise schafft sie es, eine Freundschaft mit Hubert aufzubauen. Linda geht mit Huberts Erinnerungen mit und hält diese aufrecht; und so erfahren auch wir Leser / Hörer peu á peu mehr aus Huberts Leben…..
Auch Lindas Freundschaft mit Kevin hat ihren Raum; Kevin, der auch ein Außenseiter ist. Beide sind ernst, beide sind ein wenig des Lebens an sich müde, und doch haben sie eine intensive Freundschaft aufgebaut, die ihnen sehr wichtig ist.
Ja, Lindas Selbstmordgedanken sind auch so ein zentrales Thema. Linda hat mit ihrer Mutter zusammen früher viel häusliche Gewalt erfahren, daraus haben sich beide erfolgreich befreit, aber Linda hat nicht wirklich viel Selbstwertgefühl. Einerseits. Denn andererseits hat sie durchaus einen starken Charakter und eine relative Coolness drauf; und sie hat einen ziemlich scharfen durchschauenden Blick auf ihre Mitmenschen. Linda malt sich ziemlich häufig aus, ob und inwiefern man sie nach ihrem Tode vermissen würde; aber so recht konkret werden ihre Pläne eigentlich nie, denn erst mal gibt es hier noch genug zu tun: Hubert braucht sie, ihre Mama braucht sie, und Kevin auch.
Kurz zum Thema Lindas Mama: wir haben hier ein paar typische Mutter-Tochter-Dialoge; aber es geht hier auch um einiges mehr, es gibt hier fein eingeflochten noch einen weiteren Erzählstrang. Lindas Mutter hat nämlich seit kurzem einen neuen Freund. Jürgen, seines Zeichens Bestatter, macht sich im Leben der beiden breit, und einerseits gönnt Linda ihrer Mutter eine neue Beziehung – so zumindest mein Eindruck – andererseits hat Linda aber auch feine Antennen für alles, was nicht wirklich gut läuft, und bei Jürgen springt so das Alarmsystem an. Das fand ich jetzt spannend; es gibt hier so ein paar Situationen / Unterhaltungen am Esstisch, bei denen Linda ganz non-chalant und wie nebenbei den neuen Mann an der Seite ihrer Mama ausfragt und nach 5 Minuten wissen wir Leser / Hörer: diese Beziehung geht garantiert nicht lange gut.
Aber zurück zu Hubert, und zu meinem Leseeindruck: ich fand die Geschichte dieser Demenz sehr, sehr berührend und authentisch. Vor allem die fortschreitende Demenz, und damit einhergehende die fortschreitende pflegerische Leistung von Ewa und Linda, und ja, auch die vom „Nachtfalter“, Huberts Tochter. Sehr sensibel gezeichnet von der Autorin, sehr sensibel gesprochen von Frau Walke. Wie gehe ich mit dementen Personen um? Linda macht es automatisch richtig und geht in Huberts Filmen mit; sie geht entspannt in seine Welt und taucht mit ihm in seine Erinnerungen ein. Das hat mir richtig gut gefallen.
Sehr emotional dann auch die Beschreibung von Huberts letzten Wochen und dem langsamen Prozess des Sterbens…..hat mich sehr berührt, und wer jemals schon mal so einen Prozess begleitet hat, wird hier viele Dinge wiederfinden….sehr realitätsgetreu, und sehr liebevoll und einfühlsam beschrieben von der Autorin.
Wir haben hier sehr viele sehr ernste Topics, und immer wieder geht es ums Sterben und um die Vergänglichkeit des Lebens; aber trotzdem hat mich dieser Roman am Ende mit einem Lächeln zurück gelassen. Trotzdem gibt es Hoffnung, trotzdem gibt es Freundschaft und Liebe, und irgendwie geht es immer weiter. Und es gibt immer wieder auch durchaus Witz und Humor in der Story; also das ist jetzt kein tieftrauriger Roman, Lindas Alltag hat durchaus auch witzige und skurrile Augenblicke. Das Leben mit dementen Personen birgt ja auch durchaus so manch überraschenden komischen Aspekt….man muss sie nur sehen…und nicht verurteilen….und manchmal hat jemand ohne Kurzzeitgedächtnis auch Recht 🙂 …. und manchmal lebt es sich auch entspannter mit Gedächtnislücken, Hubert weiß das 🙂
Ja, wie auch immer, mich hat der Roman wunderbar unterhalten, aber auch sehr sehr emotional abgeholt und zum Nachdenken gebracht.
Ich bin froh, ihn gehört zu haben, die Sprecherin war wunderbar unaufgeregt und professionell, es hat Spaß gemacht, ihr zuzuhören.
Von mir gibt es 5 von 5 Sternen!
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Petra Pellini im Gespräch / entnommen amazon.de:
Liebe Petra Pellini, Ihr Roman „Der Bademeister ohne Himmel“ erzählt von der Freundschaft einer lebensmüden 15-Jährigen zu ihrem 86-jährigen dementen Nachbarn. Eine ungewöhnliche Konstellation. Was verbindet Linda und Hubert in Ihren Augen?
Beide kommen auf ihre Art nicht klar mit ihrem Leben. Hubert ist desorientiert, und auch Linda ist auf ihre Weise orientierungslos. Sie weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, und ihre Motivation, das herauszufinden, ist gering. Zudem hat sie eine schwierige Kindheit hinter sich und null Bock auf ihre Zukunft. Hubert hat seine Vergangenheit verloren und weiß nie, was als Nächstes zu tun ist. Seine Wahrnehmung ist verzerrt, Sicherheit und Orientierung verschwimmen immer mehr. So haben die beiden vieles gemeinsam. Beide fühlen sich nirgends wirklich zugehörig, beide fallen aus dem Raster.
Ihr Roman ist temporeich erzählt, sehr humorvoll und erfrischend geschrieben. Wie schwer fiel es Ihnen, den richtigen Erzählton für Lindas Geschichte zu finden?
Es fiel mir nicht schwer, es fiel mir sogar sehr leicht. Auf eine Art entwickelte sich die Erzählstimme wie von selbst. Lindas Biografie, ihr kritischer Blick, ihre gute Beobachtungsgabe, vor allem aber ihr Humor führten zu diesem Erzählton, den ich persönlich liebenswert und witzig finde.
Erfrischend ist auch Lindas Umgang mit Huberts Erkrankung. Sie scheint besser mit ihm zurechtzukommen als die liebevolle, aber etwas überforderte Pflegerin Ewa. Brauchen wir einen anderen Umgang mit pflegebedürftigen Menschen?
Die Herausforderung ist hier für jeden eine andere. Jeder steht auf seiner eigenen Position. Ewa ist rund um die Uhr im Einsatz, was eine enorme Leistung darstellt. Huberts Tochter steckt in ihrem Schmerz fest. Linda hat eine gute Position. Sie trägt wenig Verantwortung, und sie kann die Stunden, in denen sie mit Hubert allein ist, ziemlich frei gestalten. Das führt zu ihrem spielerischen Umgang mit Hubert. Bezüglich des Umgangs mit Demenz können wir auf alle Fälle von Linda lernen. Es braucht Kreativität und Herz. Das begreift Linda sehr schnell, und sie hat keine Scheu, danach zu handeln. Zum Beispiel macht sie gemeinsam mit ihrem Freund Kevin Tonaufnahmen im Freibad, weil sie Hubert in Kontakt mit seiner Vergangenheit bringen möchte. Auch von Ewa können wir lernen, weil Ewa ihren Fokus auf Menschlichkeit und Würde legt.
Sie sind diplomierte Krankenschwester und haben lange in der Pflege dementer Menschen gearbeitet. Auf welche Weise ist Ihr beruflicher Hintergrund in das Schreiben eingeflossen?
Der Vorteil: Ich brauchte nicht viel zu recherchieren, da ich erlebt habe, was es bedeutet, wenn Betroffene sich selbst verlieren, Angehörige Unterstützung brauchen und Pflegende überfordert sind. Das alles hat das Schreiben über Demenz bestimmt erleichtert. Zudem gab es zahlreiche Situationen, in denen ich tief berührt, überrascht, begeistert war, Tränen in den Augen hatte oder schmunzeln musste. Vom Wunsch, die Geschehnisse aufzuschreiben, um sie festzuhalten, war es dann nicht mehr weit bis zur Romanidee. Ich hatte immer irgendwo ein Stück Papier, eine Serviette oder sonst etwas, worauf ich Notizen kritzeln konnte, denn nach einem 12-Stunden-Dienst ist nicht immer alles wortwörtlich abrufbar, wenn man sich daran erinnern möchte. „Gesundkern, aber vergesslich“, würde die Pflegerin aus meinem Roman sagen. Und so führte mancher Spickzettel zu einer neuen Szene.