von Mirrianne Mahn

erschienen bei Rowohlt 2024

Link zum Buch

Lange Zeit hat mich dieses Buch gar nicht interessiert – das Cover gefiel mir nicht, die Frau schaute darauf so grimmig aus, die Autorin kannte ich nicht, und auf gehypte Bücher stehe ich prinzipiell nicht so wirklich. Außerdem dachte ich, ach nee, nicht schon wieder ein Rassismus-Betroffenheits-Roman.

Ja, und dann war ich im Sommer in Wiesbaden relativ spontan auf einer Lesung der Autorin gewesen….und es war volles Haus, und von Minute 1 an war ich echt gebannt. Die Autorin ist eine faszinierende, super sympathische, vor Energie und Witz überschäumende junge Frau; die bis vor kurzem in der Frankfurter Stadtverwaltung saß (für die Grünen – bei denen ist sie aber ausgetreten; aus Gründen), und die echt für ihre Anliegen brennt. Und sie kann die Leute mitreißen. Okay, die Lesung war klasse, das Buch musste her, und jetzt hab ich es endlich auch gelesen.

Die Ausgangssituation haben wir auf dem Klappentext. Issa, Anfang, Mitte 20 ist schwanger. Sie ist gebürtige Kamerunerin, aber als kleines Mädel mit ihrer Mutter und dem neuen weißen Stiefvater nach Deutschland ausgewandert, in den Hunsrück. Nach kurzer Zeit wurde die Familie durch die Zwillinge vervollständigt, ihre Halbgeschwister. In Rückblicken erzählt Issa uns immer wieder aus ihrem Leben als schwarzes Kind und Teenie in den 80ern in ich sag mal stockweisser dörflicher Umgebung, und was sie so erlebt, ist Alltagsrassismus pur. Oftmals nicht mal böse gemeint, aber gedankenlos und schmerzhaft nichtsdestotrotz. War teils echt ein übler Augenöffner für mich beim Lesen, und teils habe ich mich aber auch gewundert, auf was für merkwürdige Ideen und Sprüche meine lieben Mitbürger überhaupt so kommen….

Ja, zurück zum Buch, Issa ist irgendwann zu ihrem Freund ins multikulturelle Frankfurt gezogen; und ist nun schwanger. Und völlig konfus. Wie soll die Zukunft aussehen? So ganz der richtige Mann des Lebens ist der werdende Kindsvater irgendwie nicht, und auch die Begeisterung der werdenden Großeltern hält sich anfangs in eng gesteckten Grenzen. Und überhaupt – eine gute Schwangerschaft und Geburt muss von afrikanischen Ritualen begleitet werden, sagt die Familie, und da Issa alle Rituale im Leben bislang verpasst hat, muss sie die nun nachholen. Ergo: Auf nach Kamerun in den Schoss der Familie.

Hier setzt die Geschichte an. Im Flugzeug von Frankfurt auf dem Weg nach Douala. Und nun begleiten wir abwechselnd Issa im hier und heute, wie sie ihre Familie neu kennenlernt und ihren Platz darin findet. Und wir sind in der Vergangenheit und arbeiten uns peu a peu durch die Leben von Issas Ahninnen, angefangen um die Wende zum 20. Jahrhundert bis heute. Damals war Kamerun nämlich deutsche Kolonie – wusste ich übrigens gar nicht. Kamerun und Deutschland haben echt eine lange gemeinsame Geschichte – warum wird sowas eigentlich nicht gelehrt? Dass Deutschland einen Schwung afrikanische Kolonien unterhielt, und sogar eine in China, das wird hier im Geschichtsunterricht immer unter den Tisch fallen gelassen oder nur ganz am Rande mal erwähnt. Dies nur als Anmerkung am Rande.

Auf jeden Fall, die Familiengeschichte startet schon mal super dramatisch und traumatisch, denn Issas Ururgroßmutter wird als kleines Mädchen vom deutschen Hausherrn missbraucht und geschwängert. Das spoilere ich jetzt einfach mal; das war übrigens auch eines der dramatischen Kapitel, die in der Lesung vorgetragen wurden – ist prägend für den weiteren Verlauf der Geschichte, und natürlich ein dramatischer Punkt.

Issas Leben ist enger mit dem ihrer Vorfahrinnen verflochten, als sie anfangs annahm, und wir als Leser gehen diesen Weg mit ihr.

Mein Leseeindruck: das war super. Spannend und fesselnd und flüssig geschrieben. Packende Geschichte. Viel Dramatik, jederzeit ein hohes Spannungslevel, aber auch viel Witz und Situationskomik (ich denke nur an die vielen Rituale, die Issa mitmachen muss, und die sie teils recht schwarz-humorig kommentiert; und zwar so eher aus der Sicht der westlichen Schwangeren, die sich fragt, was zum Henker sie hier eigentlich gerade tut 🙂 )

Viel Stoff zum Nachdenken, viele historische Fakten, die ich nicht kannte, viel Gesellschaftskritik, ja, sehr viel von allem. Sehr viel persönliches Wachstum von Issa, sehr viel Liebe, sehr viel Vergebung.

Am Ende ist natürlich alles gut. Ob das so realistisch ist angesichts der vielen Traumen, die Issa und ihre Familie erfahren haben, sei mal dahingestellt – aber für die Geschichte funktioniert es. Es geht auch – interpretiere ich mal rein – um die Kraft, trotz allem weiter zumachen, weiter zu leben, und ein gutes Leben zu haben.

Ich habe das Buch verschlungen, und kann es definitiv weiterempfehlen.


Produktbeschreibung des Verlags

Entnommen Amazon.de

– Warum hast du dieses Buch geschrieben?

„Issa“ ist ein sehr persönlicher Roman, den ich schon lange schreiben wollte. Diese Geschichte ist meine Geschichte und gleichzeitig ist sie fiktional. Nicht alles darin ist wahr, aber alles daran ist echt.

– Inwiefern ist ISSA ein feministisches Buch?

„Issa“ ist die Geschichte Schwarzer Frauen und die Geschichte aller Frauen dieser Welt. An meinen Figuren sieht man, was Patriarchat konkret bedeutet. Jede von ihnen ist davon betroffen, dass irgendwo auf der Welt ein Mann eine Entscheidung trifft und eine Frau deshalb leidet.

– Welche Rolle spielt der Aktivismus für den Roman?

Mein Aktivismus ist für mich eine natürliche Reaktion auf Ungerechtigkeiten und eng mit meinem Schreiben verbunden. Mir geht es nicht um Anklage, sondern darum gehört zu werden. Die eigene Geschichte – erst sich selbst und dann der Welt – zu erzählen ist ein revolutionärer Akt.

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