von Benjamin Myers

erschienen August 2019 bei Bloomsbury Publishing
englischer Klappentext: „One summer following the Second World War, Robert Appleyard sets out on foot from his Durham village. Sixteen and the son of a coal miner, he makes his way across the northern countryside until he reaches the former smuggling village of Robin Hood’s Bay. There he meets Dulcie, an eccentric, worldly, older woman who lives in a ramshackle cottage facing out to sea.
Staying with Dulcie, Robert’s life opens into one of rich food, sea-swimming, sunburn and poetry. The two come from different worlds, yet as the summer months pass, they form an unlikely friendship that will profoundly alter their futures.“
in deutsch: Offene See
erschienen März 2020 bei DuMont Buchverlag GmbH
deutscher Klappentext: „Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.“
Wir lesen demnächst die „offene See“ in einem meiner Lesekreise, und daher habe ich mir dieses Buch auch zugelegt. Ich habe mir aus Kostengründen die englische Taschenbuchausgabe gekauft, dies allerdings ziemlich bald bereut, denn Benjamin Myers schreibt sehr, sehr, sehr elegant und eloquent, und sein Stil und seine Wortwahl haben mich tatsächlich des Öfteren etwas überfordert. Mein Englisch ist sehr gut, aber nicht perfekt, und so flüssig und wunderbar sich das trotz allem liest, so muss ich doch zugeben, einiges ist mit Sicherheit an mir vorbei geschwommen, weil einfach mein Vokabular das dann doch nicht hergegeben hat. Ich werde mir also die deutsche Ausgabe noch zusätzlich zulegen, und ich hoffe sehr, dass bei der deutschen Übersetzung diese sprachliche Eleganz erhalten geblieben ist. Für mich ist das schon sprachliche Über-Eleganz, ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch viele Muttersprachler anstrengend 🙂
Wie auch immer, ich habe die Lektüre trotz allem sehr genossen.
Wenn ich jetzt hierüber schreibe / rezensiere, werde ich auch etwas spoilern, also seid gewarnt 🙂
Und interessant vorab: Zwischen dem Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe und der deutschen Übersetzung liegen nur einige wenige Monate, sowas finde ich immer recht spannend, weil im Normalfall allein der Rechteverkauf am Manuskript nicht über Nacht geht, und eine Übersetzung ja auch immer etwas dauert…..
Aber nun zum Inhalt des mit 250 Seiten relativ schmalen Romans: wir sind im Sommer 1946, und der 16jährige Robert ist auf Wanderschaft. In seinem Heimatort im Norden Englands scheint sein Leben schon vorgezeichnet; die Stadt lebt vom Kohleabbau, und sein Vater ist Minenarbeiter, sein Großvater war es auch, und dessen Vater ebenso….aber Robert hat das unbestimmte Gefühl, das Leben müsse noch etwas mehr als die Mine bereithalten, und so schnürt er sein Bündel und zieht los, so in etwa wie ein Geselle auf der Walz.
Nach ein paar Wochen erreicht er einen kleinen Ort an der offenen See, ein altes Schmugglernest, und trifft dort auf eine ältere Dame, die ihm Tee anbietet: Dulcie, Exzentrikerin par Excellence, gebildet, liebenswürdig, und ein wenig geheimnisumwoben. Und eine phänomenale Köchin, die Robert zum essen einlädt. Und so kommt es, dass Robert „hängenbleibt“: erst für ein paar Tage, daraus werden dann Monate. Robert macht sich nützlich und renoviert peu a peu das Nebengebäude und den Hof, und Dulcie verpflegt ihn. Die beiden so unterschiedlichen Charaktere freunden sich an, lernen sich gegenseitig zu schätzen, und Dulcie nimmt Robert auch intellektuell unter ihre Fittiche. Sie macht ihn mit Literatur und Poesie vertraut, und weckt seine Liebe zur Bildung….
Ich glaube, soweit verraten auch die Klappentexte die Handlung 🙂 Darüber hinaus findet Robert in seinem alten Schuppen auch ein altes Manuskript einer deutschen Poetin, Romy, die ihre Gedichte Dulcie gewidmet hat….und hier fang ich jetzt an zu spoilern. Hier beginnt Dulcies Weltschmerz, ihr Herzschmerz, ihr eigenes Leiden an der Welt und am Leben, denn Romy war ihre Lebensgefährtin, ihre grosse Liebe, und die Erinnerung an sie ist mit so viel Schmerz verbunden…. Romy hat sich ertränkt; ist freiwillig aus dem Leben geschieden, und zwar justament in der See vor Ort.
Dulcies Heilung beginnt, als sie Robert eines Tages bittet, ihr jeden Abend eines der Gedichte vorzulesen, und peu a peu öffnet sich Dulcie auch Robert und lässt ihn an ihrer Lebensgeschichte teilhaben. So kann man sagen, dass auf eine besondere Weise auch Robert die so viel Ältere unter seine Fittiche nimmt, und beide voneinander profitieren und sich wunderbar ergänzen.
Ich fand das insgesamt eine sehr schöne Geschichte, hat mich abgeholt und emotional berührt.
Da waren viele Dinge, die ich an Dulcie interessant fand, ihre Grosszügigkeit, ihre generelle Coolness und Exaltiertheit, ihre Intelligenz; aber auch die Wertschätzung, die die Dorfbewohner ihr gegenüber immer wieder an den Tag gelegt haben (sie wird von den lokalen Fischern immer mit dem besten Fang versorgt u.ä.), und natürlich ihre Erinnerungen an ihre jugendlichen Bohemian-Zeiten, als sie mit Romy, der damaligen literarischen Neuentdeckung, durch halb Europa getourt ist und diese auf Lesungen begleitet hat.
Das war ein „Coming-of-Age“ Roman in zweierlei Hinsicht: sowohl für Robert, der am Ende des Sommers wusste, was er definitiv im Leben nicht will, und für Dulcie, die ihren Frieden gefunden hat.
Ach ja, und „The Offing“: „They call it the offing, „ said Dulcie quietly. I climbed down the chair. She gestured down the meadow. „The distand stretch if the sea, where sky and water merge. It’s called the offing.“ S. 111. Damit wir auch wissen, was der Titel uns sagt 🙂 Die deutsche Übersetzung passt schon 🙂
Porträt
Benjamin Myers
Benjamin Myers was born in Durham in 1976. He is the author of ten books, including The Offing, which was an international bestseller and selected for the Radio 2 Book Club; The Gallows Pole, which won the Walter Scott Prize for historical fiction and has been adapted as a BBC series by Shane Meadows; Beastings which was awarded the Portico Prize for Literature, and Pig Iron which won the inaugural Gordon Burn Prize. He has also published non-fiction, poetry and crime novels and his journalism has appeared in publications including the Guardian, New Statesman, TLS, Caught by the River and many more. He lives in the Upper Calder Valley, West Yorkshire.
benjaminmyerswriter.com / @BenMyers1
entnommen: Thalia.de