von Caroline Wahl

erschienen 2024 bei  DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG / meine Ausgabe bei der Büchergilde Gutenberg, ebenfalls 2024

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Mit „22 Bahnen“ hat die Autorin ein Jahr zuvor für Furore gesorgt, dies ist der Nachfolgeband. Ich habe die „22 Bahnen“ nicht gelesen; „Windstärke 17“ war das Überraschungsbuch in meiner Buch-Abo-Box der Büchergilde, und ja,ich war durchaus gespannt, aber ich glaube, ich hätte es mir ansonsten nicht zugelegt, dafür hat mich der Themenkomplex nie so wirklich angesprochen. So, nun habe ich den Roman aber gelesen, und bin eigentlich sehr froh, es getan zu haben – hat mir gefallen, hat mich durchaus berührt.

Erstmal generell zum Inhalt ; wir sind hier bei Ida, so etwa Anfang, Mitte 20 Jahre alt würde ich sagen, genauer wird das nie definiert, und Ida ist verzweifelt. Wütend. Aggro. Mental gerade eher am unteren Ende der Skala. Ihre Mutter ist vor kurzem gestorben; sie war jahrelange Alkoholikerin, und Ida hat die letzten Jahre alleine mit ihr zusammen gelebt und konnte sie nicht retten. Sie kündigt die Wohnung, setzt sich in den nächsten Zug und landet eher zufällig in Rügen. Das war die Endstation. Sie findet einen Job als Kellnerin, und Knut, Chef des Ladens, und dessen Frau Marianne nehmen Ida als Dauergast bei sich auf. Fassen wir uns kurz, die Zeit an der Ostsee bei Marianne und Knut leitet bei Ida einen Heilungsprozess ein, und nebenbei lernt sie Leif kennen und lieben, der ebenfalls mit seinen Dämonen zu kämpfen hat. Und auch Marianne hat Probleme – es stellt sich irgendwann die Frage, ob Ida nicht auch Marianne gut tut und nicht nur umgekehrt…..

Der erste Band, die „22 Bahnen“, bildet die Vorgeschichte zu Idas mental health Problemen, ihren Schuldgefühlen, ihrem Selbsthass, ihrer Sehnsucht nach Heilung; und befasst sich mit einer ziemlich krassen Story einer dysfunktionalen Kleinfamilie; habe ich wie gesagt nicht gelesen; wäre wohl eine gute Idee gewesen, damit anzufangen, aber die Autorin schafft es, alle relevanten Infos in den aktuellen Roman einzupflegen. Ida teilt uns (der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben) alles was wichtig ist schon mit. Ich behaupte mal, ich habe mich auch so gut in der Geschichte eingefunden. Band 1 drehte sich um Tilda, die ältere Schwester, hier in Band 2 ist Ida dran und erzählt ihre Geschichte.

Ich würde mal sagen: dieser Roman ist super speziell. Der Stil ist super speziell. Vieles spielt sich gedanklich in Idas Kopf ab, und wir sind prinzipiell im Präsens, egal ob es sich um Idas Erinnerungen an vergangene Ereignisse handelt, oder ob wir gerade tagesaktuell bei den Geschehnissen dabei sind. Teils sind die Dialoge in Gänsefüßchen gesetzt, teils spart sich die Autorin das und schreibt einfach den Sprechernamen auf und setzt einen Doppelpunkt. Naja, Anscheinend wird durchgängige einheitliche Interpunktion heutzutage bei jungen Nachwuchsschriftstellern überbewertet *Ironiemodus aus*. Mich als Leserin stresst das etwas, aber es spiegelt durchaus Idas spezielle Persönlichkeit wieder – die ist auch nicht sehr stringent.

Ida ist wie gesagt ziemlich durch. Kein Wunder bei allem, was sie so durchgemacht hat. Und man muss Frau Wahl lassen, sie bringt Ida ziemlich authentisch rüber. Ich hab ihr diese Figur komplett abgekauft. Und wer sich für Familien und deren Dynamiken und (Dys)-Funktionalitäten interessiert (ich zum Beispiel), wird mit diesem Roman trotz der sprachlichen Sperrigkeit abgeholt. Da muss ich sagen Chapeau an die doch sehr junge Autorin, die diese Thematik seziert und treffsicher darüber schreibt.

Der Titel des Romans bezieht sich übrigens auf das Wetter an der Ostsee – immerhin spielt der Roman auf einer Ostseeinsel, und Ida als passionierte Schwimmerin geht bei Wind und Wetter ins Meer. Nur wenn sie sich körperlich verausgabt und gegen die Naturgewalten kämpft, fährt ihr Kopf runter. Windstärke 17 haben wir auf Rügen nicht – das erklärt ihr irgendwann mal Knut, so was gibts hierzulande nicht, aber knackig-stürmisch-lebensgefährlich ist es durchaus öfters in den Rügener Ostseewellen.

Ach, und noch ein Punkt, wo ich gerade bemerkt habe, dass Frau Wahl recht jung ist (sie ist Jahrgang 1995): auch das merkt man generell dem Schreibstil an. Frau Wahl, oder vielmehr Ida als ihr ich sage einfach mal literarisches Alter Ego, redet einfach darauf los. Oder schreibt einfach drauf los. Und während früher Markennamen wegen Schleichwerbung in der Belletristik so gut wie nie vorkamen, plaudert Ida hier locker von ihrem Macbook, mampft Mambas und Kelloggs. Und zwar ständig. Früher hätte man dezent vom Laptop, den Kaubonbons und den Frühstücksflocken gesprochen. Im Zeitalter von Social Media ist das heutzutage anscheinend völlig egal. Product Placement und unbezahlte Werbung wegen Markennennung: interessiert niemanden mehr. Nur mir alter Frau Ü50 fällt das auf. Okay.

Was sag ich jetzt abschließend dazu? War auf jeden Fall eine interessante Lektüre. Hat mir Stoff zum Nachdenken gegeben, hat mich abgeholt. War teils schwere Kost, war teils sperrig zu lesen. Aber hey – insgesamt eine außergewöhnliche Geschichte. Wird nicht jedermann gefallen, wird nicht jeder was mit anfangen können. Ist kein Wohlfühlroman. Aber eine Geschichte,über die man diskutieren kann und die ich gerne gelesen habe!

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