von Carlo Feber

erschienen erstmal 2017 bei Knaur, nun neu aufgelegt 2022 bei Piper

Link zum Buch

„Eine Liebesgeschichte in den Wirren der Kolonialzeit im Fernen Osten, voller tiefer Gefühle, Spannung und Dramatik“ verspricht der Klappentext, und das hörte sich für mich gleich sehr vielversprechend an. Zumal ich kaum Ahnung von den deutschen Kolonien in Asien habe, und historische Romane hier oftmals auch eine Nachhilfestunde in Geschichte liefern. Also, ich habe zugegriffen, und gleich vorab: ich habe es nicht bereut, das hier ist ein dicker Schmöker (die Printausgabe hat 724 Seiten), der hält, was er verspricht: Abenteuer, Liebe, Dramatik, vor einer exotischen Kulisse und mit interessanten Protagonisten.

Wir sind in Tsingtau im Jahre 1911. Tsingtau ist eine deutsche Kolonie und Hafenstadt in China, ein deutscher Marinestützpunkt in Asien, und der Arzt Heinrich Renau will hier Karriere machen. Zum einen möchte er seiner reichen Berliner Verlobten, der Frauenrechtlerin Dorothea, ebenbürtig werden, zum anderen glaubt er aber auch an seine Mission als Arzt im Kaiserreich, und verdient sich durch sein Können und seine Loyalität seine Sporen. Eine seiner ersten Herausforderungen in China ist direkt die Bekämpfung eines Pestausbruchs, bei der er federführend mitwirkt. (Kleine Nebenbemerkung: wir sind ja aktuell firm im Thema Epidemie und Pandemie, und ich fand es recht interessant, wie man 1911 vorging. Spoiler: viel weiter sind wir heute auch nicht gekommen, und beim Thema Impfen schieden sich schon immer die Geister).

Während die Pest wütet, lernt Heinrich die Tochter des chinesischen lokalen Gouverneurs kennen, die geheimnisvolle, intelligente und bezaubernde Chou-Li, zu der er sich hingezogen fühlt….und die seine Gefühle erwidert. Eine verbotene Liebe nimmt ihren Lauf….

Das ist nun allerdings nur die Ausgangssituation. Das Buch begleitet Heinrich über mehrere Jahre, bis hin zum Beginn des ersten Weltkrieges. Dies soll dann auch das Ende der deutschen Kolonie darstellen; mit Kriegsbeginn werden die Tsingtauer von den Japanern angegriffen, und die Hafenstadt wird fallen.

Es geht auch nicht nur um Heinrich und Chou-Li, wie man vielleicht meinen könnte, der Roman hier ist um einiges breiter angelegt. Hier wird das Leben in den letzten Tagen vor dem Untergang der deutschen Kolonie in China erzählt, und wir haben hier so einige Protagonisten, denen wir folgen: da sind Leontine und ihr Mann Friedbert, die die Missionsstation in den Bergen im Hinterland leiten und sich damit abmühen, den Chinesen den christlichen Glauben nahezubringen; da sind die Matrosen Claas und Harms, die schlicht die Abenteuerlust ins ferne China getrieben haben; da sind all die Bewohner der Stadt, die das Leben nach Asien getrieben hat, und die fern von der Heimat ihr Glück suchen.

Was ich ganz spannend fand, war auch der Erzählstil. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich an diesen zu gewöhnen, aber wenn man dann einmal drin ist, merkt man, wie passend es ist. Wie beschreib ich das jetzt; wir haben einen auktorialen Erzähler, der aber gefühlt auch aus dem Kaiserreich kommt. Wir haben hier jede Menge altmodisch anmutender Redewendungen. Vor allem im Bezug aufs Militär wird hier oft zackig-militärisch-Hacken-zusammenschlagend kommuniziert, und es wird durchaus auch des Öfteren ein Hoch auf den Kaiser gejubelt. Und auch die Briefe und die Gespräche zwischen Heinrich und seiner Verlobten in Berlin (oder die seines Kollegen und dessen deutscher Braut) sind herrlich altmodisch. Das macht es für den Leser aus 2022 teils etwas holprig zu lesen, aber wie gesagt, man kommt da auch rein, und man kommt dann auch in die Denke der Leute damals rein. Die hatten teils ganz andere Wertmaßstäbe, und irgendwann versteht man sie. Oder zumindest fast 😉.

Schon spektakulär auch, wenn man sich diese „deutsche Niederlassung“ bildlich vorstellt : der Autor lässt vor unserem Auge eine wunderschöne chinesische Landschaft entstehen, die Berge der Provinz voller chinesischer Tempel, der Hafen mit Dschunken gefüllt – und dann die Stadt mit dem deutschen Strandhotel, den deutschen Wirtschaften, die Bier und Bratwürste ausgeben, und den deutschen Geschäften und Ämtern. Direkt daneben wieder der chinesische Gouverneurssitz mit den adligen Damen und ihren gebundenen Füssen. Was für ein Kontrastprogramm, und immer wieder stossen die Mentalitäten aufeinander.

Ich komme zu einem Ende: mir hat das Buch sehr gut gefallen. Episch angelegt, vielschichtig, spannend. Ich empfehle es sehr gerne weiter!!

Vielen Dank an Netgalley.de für das Vorab-Leseexemplar!

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Übrigens, der Autor hat eine interessante Webseite: Startseite – Carlo Feber | Schriftsteller , mit Infos zu seinen „anderen Leben“, er schreibt nämlich auch historische Romane unter weiblichem Pseudonym; und das fand ich richtig interessant.

Ich hatte bei der Lektüre der „letzten Tage“ an diversen Stellen gedacht, wow, hier geht es mal emotional in die Tiefe der männlichen Darsteller, das begegnet einem bei weiblichen Autorinnen so doch eher selten, und dann entdecke ich, Herr Feber kann beides 😉

Merke: Man lasse sich nie vom Autorennamen allein zu irgendeiner Überlegung hinreissen 🙂

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